Als Emily Walton gestern Abend in der Bibliothek im Zentrum aus ihrem neuen historischen Roman las, wurde schnell klar: Das hier ist keine gewöhnliche Buchpräsentation. Das hier ist eine Familientherapie mit Publikum.
"Ich erzähle die Geschichte meiner Oma", verkündete Walton mit jener Mischung aus Stolz und leiser Verzweiflung, die man kennt, wenn man sich an Weihnachten zum hundertsten Mal Omas Kriegserlebnisse anhören muss. "Sie war bei der WAAF, also der britischen Luftwaffe für Frauen, und das hat sie bis nach Ägypten geführt."
Die ersten Zuhörer waren noch gespannt. Historische Romane über Frauen in der Kriegszeit sind schließlich en vogue. Doch dann begann Walton zu erzählen, wie ihre Oma angeblich die Pyramiden bestiegen hat, während Bomben in London fielen. Und wie sie angeblich Tutanchamuns Grab entdeckt hat, weil sie "einfach mal so" in eine Pyramide geklettert ist.
"Ich habe mir gedacht, das ist doch ein spannender Stoff", sagte Walton. "Meine Oma hat mir immer erzählt, sie wäre die wahre Entdeckerin von Tutanchamuns Grab gewesen, aber Howard Carter hätte ihr die Ehre gestohlen."
Im Publikum regte sich leise Unruhe. Eine ältere Dame meldete sich zu Wort: "Meine Oma hat auch immer erzählt, sie wäre Astronautin gewesen. Aber das war wohl eher der Wodka."
Walton ließ sich nicht beirren. Sie las weiter von den "nebelverhangenen Gassen Londons", die angeblich so nebelverhangen waren, dass man seine eigene Nase nicht mehr sah. Von den "ägyptischen Pyramiden", die in ihrem Buch so groß beschrieben wurden, dass man darin problemlos ein ganzes Londoner Viertel unterbringen könnte.
"Ich wollte die ganze Welt in diesem Buch vereinen", erklärte Walton. "Von London bis Ägypten, von Nebel bis Sonne, von Krieg bis Frieden."
Ein Zuhörer fragte vorsichtig nach: "Aber ist das nicht ein bisschen... viel?"
Walton lächelte. "Meine Oma hat immer gesagt: Wer nicht genug Phantasie hat, um seine eigene Lebensgeschichte aufzublasen, der hat auch keine Phantasie, um gute Bücher zu schreiben."
Am Ende der Lesung stand fest: Emily Waltons Roman ist entweder ein brillantes literarisches Werk oder eine sehr, sehr lange Hommage an ihre Oma. Vielleicht beides. Auf jeden Fall hat die Lesung in der Bibliothek im Zentrum für Gesprächsstoff gesorgt - und das ist ja auch schon mal was.