Als Jimmy Schlager mit seiner Lästerliedertour im Groß-Enzersdorfer Kotter auftauchte, konnte man das kollektive Aufseuften der Zuschauer schon aus der Donau hören. Der kleine Kotter, eigentlich nur für Kabarett-Tourneen von "Komikern" mit fünf Abonnenten ausgelegt, platzte aus allen Nähten. Kein Wunder: Wenn Jimmy Schlager auf die Bühne klettert, geht nicht nur der Vorhang auf, sondern auch der historische Güllegruben-Schacht im Keller auf.
Der Mann, der sich selbst für den Karl Valentin der Nachkriegs-Nachkriegszeit hält, servierte seinem Publikum eine Platte voller Lästerlieder. Keine Sorge, es handelte sich dabei nicht um die Art von Liedern, die einen zum Lachen bringen - das hätte zu anstrengend sein können. Nein, diese Schmähperlen stimulierten eher zum Schmunzeln, zum Lächeln, zum resignativen Schulterzucken, als würde man gerade den nächsten Strompreisbescheid öffnen.
Die Lieder selbst? Schön. Manchmal sogar sentimental. Aber Schlager, der sich selbst mit jedem Lied als "deutlich verstandesmäßig beschränkter als ein mittelfränkischer Maibaum" bezeichnete, moderierte die ganze Sache mit einer Heiterkeit, die selbst den stoischsten Donauwellenreiter zum Schwitzen brachte. Sein langjähriger Partner Chris Heller begleitete ihn am Piano mit einer Treffsicherheit, die selbst den Pächter des nahen Gasthauses "Zum trinkenden Dachs" beeindruckte.
Das Publikum war angetan. Kein Wunder, schließlich hatte man seit der letzten Grippewelle keine Gelegenheit mehr, sich gemeinsam mit Fremden zu verstellen. Manche Zuschauerinnen und Zuschauer hatten sich extra eine Stunde früher im Kotter eingefunden, um sich auf das Kommende einzustimmen. Sie hatten Strohhalme gekaut und sich Geschichten über die glorreiche Vergangenheit des Kotters erzählt, als dort noch Eselpredigten stattfanden.
Doch dann passierte etwas, das selbst den hartgesottensten Provinztheaterskeptiker aus den Latschen hob: Ein junges Pärchen, frisch verliebt und noch nicht mit der lokalen Schlagerkultur vertraut, betrat den Saal. Man sah ihnen an, dass sie eher die Art von Menschen waren, die in einem Wiener Kaffeehaus über existenzielle Fragen diskutieren, während sie auf ihr Avocado-Brot warten. Doch als Jimmy Schlager mit seinem ersten Lästerlied begann, geschah das Unglaubliche: Die beiden verstanden kein Wort, lächelten trotzdem, und einer der anwesenden Senioren spendierte ihnen spontan einen Schnaps, weil er meinte, "die Jugend müsse anständig auf das Abendprogramm vorbereitet werden".
Am Ende des Abends waren sich alle einig: Es war eine gelungene Veranstaltung, bei der man sich fast so fühlte, als wäre man Teil einer großen, leicht verwirrten Familie. Nur der Klimt-Druck über der Bühne sah etwas blass aus. Aber das, so hieß es, sei nur eine Frage der Zeit.