Die Leipziger Buchmesse hat sich als etwas ganz Besonderes etabliert: als Literaturfestival mit weniger Geschäft und mehr Gespräch. Das zumindest behauptet sie selbst, und das ist schon mal ein guter Anfang. Weil wenn man etwas laenger behauptet, kann es schon fast wahr sein. Ähnlich wie bei der These, dass man in Leipzig besser Kaffee trinken kann als in Frankfurt.
Dieses Jahr startet die Messe mit einem Paukenschlag, der weniger nach Büchern klingt als nach Politthriller. Der deutsche Kulturstaatsminister hat kurzerhand drei linke Buchhandlungen von der Preisverleihung gestrichen und dann die ganze Veranstaltung abgesagt. Begründung: "verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse". Was immer das auch sein mag - klingt auf jeden Fall spannender als die meisten Romane, die auf der Messe stehen werden.
Interessant ist, dass die betroffenen Buchhandlungen gleichzeitig erfuhren, die Jury hätte sie ohnehin nicht ausgewählt. Die Jury widerspricht. Also entweder lügt das Ministerium, oder die Buchhandlungen lügen, oder die Jury lügt. In der Literaturbranche ist man ja an fiktive Welten gewöhnt, aber dass die Realität einem dabei Konkurrenz macht, ist neu.
Der Minister sagte daraufhin nicht nur seinen Besuch ab, sondern auch eine Diskussionsrunde über Meinungsfreiheit. Was für eine wunderbare Ironie: Über Meinungsfreiheit diskutieren, aber nur mit denen, deren Meinung einem passt. Das ist wie ein Kochkurs, bei dem man nur die Zutaten verwendet, die einem schmecken.
Die Messe selbst will damit nichts zu tun haben. "Man bedauere die Absage", heißt es. Das ist die Kunst des diplomatischen Formulierens. Übersetzt bedeutet das: "Wir finden es doof, aber wir kriegen trotzdem unsere Standgebühren und freuen uns über die zusätzliche Aufmerksamkeit."
Dabei bleibt alles beim Bewährten. Die Ausstellerzahlen liegen leicht über dem Vorjahr, rund 300.000 Besucher werden erwartet. Das ist beeindruckend, wenn man bedenkt, dass Leipzig gerade mal eineinhalb Millionen Einwohner hat. Entweder kommen alle zwei Mal, oder die Messe zieht tatsächlich Leute aus ganz Deutschland an - was beweist, dass Leipzig offenbar attraktiver ist als gedacht. Zumindest für ein Wochenende.
Im Programm findet man die übliche Mischung aus Prominenten und Autoren, deren Namen man kaum aussprechen kann. Alice Schwarzer trifft auf Sebastian Fitzek, Robert Menasse auf Sophie Passmann. Das klingt wie der Beginn eines Witzes, ist aber ernst gemeint. Dazwischen gibt es Formate wie einen 18-stündigen Lesemarathon. Wer sich das antut, hat entweder viel Zeit oder einen ausgeprägten Hang zur Selbstkasteiung.
Neu ist das Konzept ohne Gastland. Statt einer Nation rückt der Donauraum in den Fokus. Unter dem Motto "Donau - Unter Strom und zwischen Welten" werden Dutzende Veranstaltungen angeboten. Das klingt nach Urlaub, ist aber Literatur. Man fragt sich, ob die Donau nicht irgendwann genug hat, immer wieder als Thema herhalten zu müssen.
Auch Österreich ist vertreten, mit 125 Ausstellern und rund 40 Verlagen. Das ist beachtlich für ein Land, das gerade einmal so groß ist wie Sachsen. Aber vielleicht liegt es ja am Kaffee. Der ist in Österreich angeblich auch besser als in Deutschland.
Für den Preis der Leipziger Buchmesse ist ein Tiroler nominiert. Norbert Gstrein hat mit "Im ersten Licht" Chancen auf die Auszeichnung. Ob er sie bekommt, wird sich zeigen. Fest steht nur eines: Selbst wenn er verliert, kann er immer noch behaupten, dass die Jury ihn ohnehin nicht ausgewählt hätte. In Zeiten wie diesen ist das fast schon eine Erfolgsstrategie.