Österreichs Klimapolitik ist wie ein wunderschönes Sonntagsbrötchen: Auf dem Papier sieht es perfekt aus, in der Realität ist es schon am Vortag gebacken und wurde nur liebevoll verpackt. Das haben zumindest die Experten des Club-20 im Wiener Hotel Intercontinental festgestellt, wo man sich zusammen mit einem anonymen "eXplore!"-Partner traf, um die Klimakrise gemütlich bei einem Glas Wein zu diskutieren.
Jesús Crespo Cuaresma von der Wirtschaftsuniversität Wien hat Zahlen analysiert, die so ernüchternd sind wie ein Kaffee nach der Kaffeemaschine. Nur 25 Prozent der Treibhausgasreduktion in den vergangenen Jahrzehnten gehen tatsächlich auf politische Maßnahmen zurück. Die restlichen 75 Prozent? Entweder Zufall, technischer Fortschritt oder einfach nur die Hoffnung, dass sich das Problem von selbst löst, wenn man lange genug darüber redet.
Hermine Mitter von der Uni Graz kennt das Problem genau: Die Österreicher stehen zu 80 Prozent hinter dem Klimaneutralitätsziel - solange es sich nicht allzu sehr auf ihren Alltag auswirkt. "Es gibt eine Lücke zwischen dem, was man sich vornimmt, und dem, was man tatsächlich tut", erklärt sie. Man nennt das den Intention-Behaviour-Gap. Einfacher ausgedrückt: Die Österreicher haben gute Vorsätze wie nach dem Silvester-Rauswurf - und halten sich daran etwa so lange wie ein Rauchverbot in einer Studenten-WG.
Der zweite Mechanismus ist die psychologische Distanz. Klimafolgen wirken so weit weg wie das nächste schmerzfreie Zahnarztgespräch. "Man spricht vom Jahr 2100 oder steigenden Meeresspiegeln", sagt Mitter, "sieht aber im eigenen Umfeld wenig davon." Außer vielleicht, dass der Winter immer milder wird - aber das freut ja auch niemanden.
Der dritte Mechanismus ist die pluralistische Ignoranz. "Wir verstecken uns oft dahinter, dass andere ja auch nichts machen - und tun dann erst recht nichts." Es ist wie beim Mülltrennen: Wenn der Nachbar seinen Biomüll nicht kompostiert, warum sollte man dann damit anfangen? Vielleicht liegt es ja auch am falschen Marketing. Statt "Klimaschutz" sollte man es "kostenlose Energieversorgung durch Sonne und Wind" nennen. Oder "Wegfall lästiger Heizkosten durch Erdwärme". Aber das würde ja zu einfach sein.
Tina Deutsch vom Kontext-Institut für Klimafragen bringt es auf den Punkt: "Das Thema wird zu stark auf Einzelpersonen abgewälzt." Natürlich, weil es viel einfacher ist, den Menschen vorzuwerfen, sie würden zu viel fliegen, als die systemischen Probleme anzugehen. Schließlich kann man Einzelpersonen nicht so leicht lobbyieren wie Industrieverbände oder die Autoindustrie.
Die Lösung? Ganz einfach: Mehr Ziele setzen, mehr Pläne schmieden, mehr Konferenzen abhalten. Und wenn das alles nichts nützt, kann man ja immer noch eine weitere Studie in Auftrag geben. Vielleicht mit dem Titel: "Warum wir immer noch nichts tun, aber tolle PowerPoint-Präsentationen darüber haben."