Die Menschen in Amstetten sind nicht mehr sie selbst. Sie sind zu Uhrzeitsklaven geworden, getrieben von einem einzigen Ziel: um Punkt zwölf Uhr den Tank zu füllen. Familienessen werden abgesagt, Arzttermine verschoben, Kindergeburtstage umgeplant - Hauptsache, man ist pünktlich an der Zapfsäule.
Die Tankstellen haben reagiert. Manche haben ihre Öffnungszeiten auf 11:55 Uhr vorverlegt, um die letzten Kunden noch mit dem alten Preis zu versorgen. Andere wiederum schließen die Tore um 11:50 Uhr und lassen nur noch Eingeweihte rein. Ein Amstettner erzählt: "Ich hab mir extra einen Wecker gestellt. Jeden Tag um 11:45 Uhr steht mein Auto schon vor der Tankstelle. Wenn die Uhr 12 schlägt, reiße ich die Tür auf und renne zur Zapfsäule wie ein Formel-1-Pilot in die Box."
Doch nicht alle können mithalten. Die 12-Uhr-Jäger haben sich längst spezialisiert. Manche fahren nur noch Diesel, andere nur Super Plus. Wieder andere haben sich auf bestimmte Tankstellenmarken festgelegt. "Nur bei Shell kann ich so tief in die Tasche greifen", sagt ein Mann mit wehendem Vollbart. "Die haben die besten Preise, da kann ich mir ein halbes Jahr lang keinen Urlaub leisten."
Die Preissenkungen sind zum Volkssport geworden. Tankstellen senken ihre Preise um zehn Cent, die Konkurrenz um 15. Eine Tankstelle bietet sogar einen "Happy Hour"-Preis an: Wer zwischen 11:55 und 12:05 Uhr tankt, bekommt den Sprit zum Selbstkostenpreis. Die Folge: Hunderte von Autos stehen vor der Tankstelle und blockieren den Verkehr.
Doch nicht alle sind begeistert von der neuen Tankkultur. Ein Amstettner klagt: "Ich komme morgens um halb acht zur Arbeit und da stehen schon die Tank-Stalker. Die blockieren die Zufahrten und machen einen Höllenlärm. Ich kann mich kaum noch auf meinen Job konzentrieren."
Die Stadt Amstetten überlegt, ein neues Gesetz zu erlassen: Wer vor 11:30 Uhr oder nach 12:30 Uhr tankt, muss eine Strafe zahlen. "So können wir den Verkehr wieder in den Griff bekommen", sagt ein Sprecher der Stadtverwaltung. "Und außerdem: Wer zu blöd ist, um pünktlich zu tanken, der hat es auch nicht anders verdient."