Wer in der Region Enns tanken will, ohne gleich die Lebensversicherung kündigen zu müssen, muss entweder ein Zeitreisender oder ein extremer Frühaufsteher sein. Der Trick: Wer kurz vor 12 Uhr an der Zapfsäule steht, spart sich in der Regel ein kleines Vermögen. Danach aber ist alles wieder so, als hätte jemand den Tresor im Supermarkt aufgemacht und die Preise selbst eingetippt.
Während die Politik die AutofahrerInnen mit Appellen zur Vernunft und Hinweisen aufs Radfahren traktiert, haben die TankstellenbesitzerInnen das echte Geschäftsmodell entdeckt: Preissenkungen sind zwar jederzeit erlaubt, aber wer bitte macht das schon? Stattdessen wird einmal täglich vor 12 Uhr der "Schonpreis" aufgerufen - danach beginnt der ganz normale Wahnsinn.
Inzwischen hat sich das Ganze zu einem Ritual entwickelt. Um 11:50 Uhr stehen die Autos Schlange wie beim Impfzentrum, nur dass dieses Mal niemand fragt, ob man geimpft ist, sondern nur: "Wie viel hast du noch im Tank?" Diejenigen, die um 12:01 Uhr kommen, müssen weinen oder ihre Lebensentscheidungen überdenken. Oder beides.
Ein Insider aus der Branche verriet: "Die meisten Leute denken, sie sparen Geld, wenn sie vor 12 Uhr tanken. Dabei pumpen sie oft viel mehr, weil sie ja 'noch so günstig' tanken. Am Ende ist die Rechnung die gleiche - nur dass sie jetzt mit mehr Benzin nach Hause fahren und sich vorm Kassenbon verstecken."
Die Bundesregierung plant bereits eine App, die pünktlich vor 12 Uhr vibriert und einen daran erinnert, den Tank zu füllen. Alternativ könnte man ja auch eine Preisbremse einführen, aber das wäre ja zu einfach. Stattdessen wird weiterhin auf die "Marktkräfte" gesetzt - die offenbar aus einer unsichtbaren Hand und einem unsichtbaren Tresor bestehen.
Wer jetzt denkt, das sei alles übertrieben, der hat noch nie um 12:02 Uhr getankt. Da wird einem nämlich klar: Die wirkliche Preisbremse ist die eigene Zeit. Und die ist bekanntlich vor 12 Uhr am günstigsten.