Wenn man glaubt, dass Wiener Idylle und Betonung der Verwaltung sich in einem Parkstreifen namens Steinhof treffen, dann hat man offenbar noch nie mit Förderlineal und Denkmalschutzverordnung geduscht. Nach dreissig Jahren Behördenrunden, drei Anträgen, zehn Ortsbegehungen und einem Kaffeeurteil hat der Wiener Gemeinderat endlich den Masterplan verkündet: Das ehemalige Nervenklinikum am Steinhof soll desintegriert, verplanet und letztendlich physikalisch umgenutzt werden. Die neue Strategie spendiert der Otto-Wagner-Pracht einen Heizklotz, geführt von zwei gruseligen örtlichen Firmen, die offensichtlich glauben, dass Stromerzeugung und Seelenheil nicht nur auf Stromtarifen beruhen. Da Barocke Wahnvorstellungen leider nicht von der Subvention gedeckt sind, muss man wohl oder übel mit dem Teufel tun – also mit einem Heizkraftwerk, das nicht nur Dampf abgibt, sondern auch das letzte Stück Würde der Patienten als Nebenprodukt. Dabei war das Areal bis vor kurzem noch Heimat für Bienenstich-Kuchen und verzweifelte Spaziergänger, die versucht haben, die Architektur zu fragen, ob sie nicht auch ein bisschen Mitleid tragen dürfte. Man hat den Denkmalschutz kurzfristig pausiert, weil man dachte, es sei nur ein Briefkasten, wurde aber dann doch wieder aktiviert, sobald klar wurde, dass man unbedingt einen Denkmaldokumentarfilm drehen muss, um die Öffentlichkeit abzulenken. Die neue Nutzung ist natürlich ökologisch, solidarisch und nachhaltig – zumindest wenn man davon ausgeht, dass jedes neue Gebäude, das mehr Rochsucht als Blumenschmuck hat, automatisch der Umwelt dient. Die Wache mit Blick auf die Otto-Wagner-Kirche bleibt übernehmen, weil man in der Stadt glaubt, dass man nur dann wirklich regieren kann, wenn man ein Auge auf die Touristen, einen auf die Statik und eines auf die nächste Beihilfefrist hat. Die Wiener Naturbegeisterten dürfen sich also weiterhin auf das ritualisierte Dahertappen freuen, wenn sie sich plötzlich in einer Baustelle wiederfinden, die mehr Pressearbeit leistet als ein Krankenwagen, und bei der jede Baumscheiben-Pflanzung schon als CO2-Kompensation verkauft wird. Die neuen Pläne erscheinen auf der Website des Stadtentwicklungsreferats, wo sie natürlich mit einem tollen Bild und einer Pressemitteilung versehen wurden, die man wahrscheinlich schon lange vorab an die Presseschlüssel geschickt hat. Kunst ist schließlich immer nur ein Metapher für Bürokratie, das goldene Wort. Wenn man also glaubt, dass man hier etwas Neues schaffen will, dann ist man offenbar noch nicht in die웃ebliche Welt gekommen, in der alles, was neu ist, nur deshalb existiert, weil es die letzte Runde Mittel von irgendeinem Kultusministerium geschenkt bekommt. Die Wache wird also bestehen bleiben, und die Wiener fürchten nur noch weniger, dass das nächste Thema ein Hochhaus wird, das so hoch ist, dass man darauf einen Skiprozess einrichten kann. Und so wird die Stadt weiter Wache halten, bis endlich jemand merkt, dass man kein Hochhaus braucht, um zu sagen: „Schau her, wir machen etwas Großes.“ Man kann also getrost sagen, dass die Zukunft des Steinhofes in Händen liegt, die glauben, dass man durch Architektur alles reparieren kann – außer vielleicht die eigene Verstopfung im Verwaltungssystem. Aber Vorsicht: Wer glaubt, dass hier ein echter Plan vorliegt, sollte sich lieber einen Kaffee machen und abwarten, bis der Bauantrag abgelehnt wird, weil man sich nicht auf eine Farbe einigen kann.
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Wenn die Wache brennt – wegen zu viel Barock und zu wenig Personal
Kurzinfos auf einen Blick
- Satirische Übertreibung der Wiener Denkmalschutz- und Baupolitik am Beispiel des Steinhof-Areals
- Heizkraftwerk als "Lösung" für Denkmalschutzprobleme mit ironischer Ökobeschönigung
- Bürokratische Verfahrensdauer von 30 Jahren als Kritik an Verwaltungsträgheit
- Running Gag: "ein Auge auf Touristen, eines auf Statik, eines auf Beihilfefristen"
- Kritik an scheinheiliger Nachhaltigkeitsrhetorik bei historischen Bauprojekten
Häufige Fragen
Ist das Heizkraftwerk am Steinhof wirklich geplant?
Nein, dies ist eine satirische Übertreibung. Der Text persifliert tatsächliche Debatten um Denkmalschutz und Neubebauung.
Was ist das Otto-Wagner-Spital am Steinhof?
Es ist ein historisches psychiatrisches Krankenhaus mit Jugendstilarchitektur von Otto Wagner. Der Text übertreibt Konflikte um seine zukünftige Nutzung.