Da sitzt man also, mitten im schönsten Familienfest, und plötzlich wird aus dem gemeinsamen Beisammensein ein psychologischer Balanceakt, der einem Olympiateilnehmer alle Ehre machen würde. Der kleine Schwager, der eigentlich nur seine Meinung zu Kindererziehung äußern wollte, entwickelt sich zum verbalen Schwergewichtler, während man noch überlegt, ob man jetzt nicken oder wegschauen soll.
Der Neffe, der mit seinen 14 Jahren bereits mehr über Ernährung zu wissen glaubt als alle anwesenden Generationen zusammen, erklärt gerade der Oma, warum ihr Gulasch nicht ins Konzept passt. Dabei hat er noch nicht einmal die Hälfte seines Tellers angerührt, weil er ja "auf seinen Körper hört". Oma hingegen überlegt, ob sie das Gesagte überhaupt richtig verstanden hat oder ob ihr Hörgerät wieder spinnt.
Die Schwester, die sich seit drei Jahren vegan ernährt, verteidigt gerade ihre Lebensweise mit der Leidenschaft eines Missionars, während der Bruder daneben sitzt und überzeugt ist, dass ohne Fleisch der Mensch zurück auf den Baum gehört. Dazwischen: Der Partner, der sich fragt, ob es unhöflich wäre, sich unter dem Tisch zu verkriechen und einfach auf die Heimfahrt zu warten.
Und dann ist da noch die Tante, die mit jeder halben Stunde genauer wird, wie viel Zeit noch bis zum Nachtisch bleibt. Ihr Blick wandert unentwegt zwischen der Küchenuhr und dem leeren Teller hin und her, als könnte sie allein durch Willenskraft den Ablauf des Essens beschleunigen. Man beginnt zu überlegen, ob man nicht vielleicht doch lieber das Smartphone rausholen sollte, um irgendetwas Wichtiges nachzusehen - am besten etwas, das mindestens eine halbe Stunde Beschäftigung verspricht.
Die Gesprächsthemen wechseln schneller als die Sender bei einem Zapping-Marathon. Von der Diskussion über die richtige Art, Spargel zuzubereiten, über die Frage, ob das neue Smartphone nun wirklich besser ist als das alte, bis hin zur Erörterung, warum der Nachbar seine Hecke nicht schneidet - es ist alles dabei. Und jedes Thema hat das Potenzial, innerhalb von Sekunden vom harmlosen Plausch zur Grundsatzdiskussion zu werden.
Man beginnt zu verstehen, warum manche Menschen Weihnachten auf einsame Inseln verbringen oder sich während der Feiertage krank melden. Die Kunst besteht darin, die Balance zu halten zwischen höflichem Interesse und dem Wunsch, sich einfach nur zurückzulehnen und wegzudämmern. Denn eines ist sicher: Spätestens beim Nachtisch wird es wieder eine Situation geben, die man nur mit einem inneren Lächeln und der festen Überzeugung überstehen kann, dass morgen alles wieder normal ist.