Die Stadt Wien hat eine bahnbrechende Entdeckung gemacht: Unter unseren Füßen liegt nicht nur Erde, sondern Zukunft. Genauer gesagt: "Wiener Ton", ein Material so wertvoll, dass man es früher einfach weggeschmissen hat. Zum Glück haben die Wiener Linien und Wienerberger das erkannt, bevor der letzte Kubikmeter auf der Deponie gelandet ist.
Die geniale Idee kam, wie üblich bei solchen Kooperationen, von "mehreren Seiten" - was in Verwaltungssprache bedeutet: Irgendjemand hat was gesagt und dann haben alle anderen genickt. Technisch ist es ein Meisterwerk: Die Tunnelbohrmaschine "Deborah" gräbt nicht nur Tunnel für die U-Bahn, sondern schafft auch den Rohstoff für die Häuser, in denen die Leute später wohnen werden. Man könnte fast von einer künstlerischen Leistung sprechen, wenn da nicht der kleine Haken wäre, dass "Deborah" nicht wirklich entscheiden kann, was aus ihrem Aushub wird.
Bei Wienerberger ist man begeistert. Endlich ein Ton, der dunkler ist als der bisherige - und das, ohne an Qualität einzubüßen. Im Gegenteil: Er ist "besonders feinkörnig". Das klingt nach einem Durchbruch in der Tonforschung, ist aber in Wahrheit nur eine höfliche Umschreibung für "Dreck, der halt etwas länger unter der Erde lag".
Die Stadt verkauft den Aushub, Wienerberger brennt daraus Ziegel, und am Ende entstehen Einfamilienhäuser. Rechnet man ein bisschen nach, kommt man auf die stolze Zahl von 1.000 Häusern. Das klingt nach viel, bis man merkt, dass Wien gerade mal ein paar Tage an Wohnungsnachfrage abdeckt. Aber hey, zumindest sind es "nachhaltige" Häuser, was in Zeiten des Klimawandels fast noch wichtiger ist als die Menge.
Die eigentliche Innovation ist aber die Preispolitik. Während der Aushub früher als "Abfall" galt und kostenlos entsorgt wurde, ist er jetzt ein begehrter Rohstoff. Die Logik ist unanfechtbar: Aus etwas, das nichts kostete, wird etwas, das viel kostet. Das nennen die einen "Kreislaufwirtschaft", andere würden es "Verwaltungsmagie" nennen.
Johann Machner von Wienerberger träumt schon vom nächsten Schritt: Hochhäuser aus Wiener Ziegeln. Die Idee ist so schön, dass man sie fast übersehen könnte: Aus dem Untergrund in den Himmel. Der perfekte Kreislauf. Nur die Mieter werden sich wundern, warum ihre Wohnung aus "nachhaltigem Wiener Ton" plötzlich doppelt so teuer ist wie eine aus herkömmlichem Ziegel.
Und "Deborah"? Die gräbt weiter, ohne zu wissen, dass ihr Aushub mittlerweile als Premium-Produkt gehandelt wird. Eine schöne Wiener Geschichte, wie Ulli Sima sagt. Wenn man darunter versteht, dass man Dinge, die man früher weggeworfen hat, jetzt mit Nachhaltigkeitssiegel wieder verkauft. Der Fortschritt kommt eben nicht von oben, sondern von unten - zumindest in Wien.