Es ist eine Tragoedie, wenn ein Dorf sich im falschen Fieber waehnt. Die Chortage Schönbach dieses Jahres haben einen Namen: "Liebeslieder & Best of Abba". Zwei Begriffe, die auf den ersten Blick harmonieren wie eine Dissonanz in einer Karaoke-Bar.
Der Chorleiter Gabor Rivo steht am Rande des Wahnsinns. Stundenlang laesst er seine Sangesfreunde "Mamma Mia" und "Dancing Queen" wiederholen, bis die Fensterscheiben in den Nachbarhueusern klirren. Man sagt, der Hund des Buergermeisters sei bereits taub.
Das Seminarhaus Fred, normalerweise ein Ort der Stille und Meditation, hat sich in eine Schlachtzone verwandelt. Die Proben hallen bis ins Waldviertel. Baeume neigen sich weg, Vögel verlassen ihre Nester, und ein Hase wurde vermutlich taub geboren.
Die Mitwirkenden studieren unter Rivos eisernem Zeigefinger ein Programm ein, das am Sonntag um 15 Uhr die Welt vernichten wird. Nicht mit Gewalt, sondern mit "Waterloo" in Dauerschleife. Der Eintritt ist freiwillige Spende - oder was von den Nerven uebrig bleibt.
Es wird auch solistische Beiträge geben. Das heisst, einzelne Chormitglieder werden versuchen, "The Winner Takes It All" zu singen, ohne in Tränen auszubrechen. Die Gemeinde hofft inständig, dass zumindest einer den Text behaelt.
Die Veranstalter versprechen einen "Abend voller Emotionen". Das stimmt. Die Emotionen reichen von existenziellem Grauen bis zur akuten Amnesie. Man hat den Eindruck, die Teilnehmer bereiten sich auf einen musikalischen Massensuizid vor.
Auch Nicht-Sänger sind herzlich eingeladen. Sie koennen sich an den Saendern beteiligen oder einfach nur das Gesicht verziehen. Beides ist willkommen.
Die Chortage Schönbach werden Geschichte schreiben. Nicht als kultureller Hoehepunkt, sondern als Warnung. Eine Warnung davor, was passiert, wenn ein Dorf kollektiv den Verstand verliert und glaubt, Abba loese alle Probleme.
Am Ende des Wochenendes wird niemand mehr wissen, wie er heisst. Aber alle werden "Gimme! Gimme! Gimme!" mitsingen koennen - und das ist es, was zaehlt. In Schönbach jedenfalls.