Wenn in Niederösterreich zwei Gemeinden aufeinandertreffen, die mehr Einwohner haben als Budget, dann wird es interessant. Das Derby zwischen Raabs und St. Martin ist nicht nur ein Fußballspiel – es ist ein soziologisches Experiment mit 22 Probanden auf dem Rasen und 2.000 Zuschauern im Bunker.
Die Raabser haben ihren Trumpf bereits gezückt: Roland Gerebenits, der "Last-Minute-Stürmerneuzugang". Was so klingt, als hätte man ihn gerade noch beim Discounter ums Eck eingekauft, bevor die Filiale schließt. "Gibt's den noch mit Lederriemen?", fragte man im Sportzentrum, als die Verpflichtung durchsickerte. Tatsächlich hat Gerebenits schon öfter bewiesen, dass er Tore schießen kann – vorausgesetzt, der Torwart schläft gerade oder diskutiert mit dem Linienrichter über die aktuelle Grundsteuerreform.
Auf der anderen Seite stehen die Martins, die mit sechs Punkten in der Winterpause so etwas wie eine Hypothek auf den Klassenerhalt abgeschlossen haben. Sechs Punkte – das ist weniger als manche Gemeinde an Ordnungsstrafen pro Saison einnimmt. "Zwei Siege zum Start müssen das Ziel sein", sagt Trainer Bruckner, der offenbar immer noch glaubt, dass man in Niederösterreich nicht nur Kühe, sondern auch Fußballspiele gewinnen kann.
Die Vorbereitung war "zufriedenstellend", was in Trainerdeutsch so viel bedeutet wie "wir haben dreimal gegen den SV Langschläger 3:0 verloren, aber immerhin hat der Rasen gehalten". Bruckners Optimismus grenzt an Begeisterungsfähigkeit: "Wir können jeden schlagen!" Tatsächlich können sie das auch – zumindest theoretisch. Praktisch sieht das dann meist so aus, dass man nach 20 Minuten 0:2 hinten liegt und der Kapitän schon überlegt, ob man nicht einfach eine Bürgerversammlung auf dem Platz abhalten könnte.
Das Hinspiel im August endete mit 2:2 – ein Ergebnis, das so typisch für diese Liga ist wie Marillenknödel ohne Staubzucker. Raabs führte nach elf Minuten 2:0, was beweist, dass man in Niederösterreich durchaus mal für zehn Minuten so spielen kann, als wäre man nicht aus Niederösterreich. Dann kam Patrick Howegger und sah Gelb-Rot – was in diesem Fall nicht bedeutete, dass er ausgeschlossen wurde, sondern dass er sich für das Gemeindefest verpflichtet fühlte.
St. Martin holte damals noch ein Remis, was so viel heißt wie "wir haben verloren, aber wenigstens nicht ganz". Dieses Remis wurde anschließend in der lokalen Wirtschaft gefeiert, als hätte man gerade den Cup gewonnen. Dabei war der Sieg so unverdient wie ein Gemeindebauplatz in Wien.
Für das Rückspiel werden bereits Notfallpläne geschmiedet. Falls Raabs verliert, wird die Mannschaft mit einem Bus ins nahe gelegene Tschechien gebracht und dort als "kulturelle Bereicherung" deklariert. Falls St. Martin verliert, wird der Sportplatz kurzerhand zur "Historischen Gedenkstätte des verlorenen Spiels" umgewidmet.
Eines ist sicher: Egal, wie das Spiel ausgeht, beide Gemeinden werden danach behaupten, dass der Schiedsrichter aus dem benachbarten Bezirk gekommen sei und damit sowieso nicht neutral gewesen sein könne. Das nennt man in Niederösterreich "Verteidigung der Ehre" – oder einfach "Sonntag Nachmittag".