Als die Bildungsakademie Weinviertel in Poysdorf den "Mundart-Kreuzweg" ankündigte, wusste niemand so recht, was da auf die Gläubigen zukommt. Doch als Pfarrer Kolo zum ersten Mal "Aus und laung ned vuabei" intonierte, wurde klar: Das war nicht mehr das übliche "Herr erbarme dich", sondern volles dialektales Wut-Entladungs-Theater.
"Rudern is a Kriag, der Hahn kriegt den Stress", dichtete der Mundart-Dichter Rudi Weiß, und Pfarrer Kolo gab diese Zeilen zum Besten, als wäre er der neue Hip-Hop-Star der Weinviertler Pfarreien. Die Gemeinde wusste plötzlich nicht mehr, ob sie beten oder mitwippen sollte.
Die Künstlerin Christine Eigner hatte Bilder mitgebracht, die aussahen wie moderne Interpretationen von Jesu Leiden - nur dass Jesus diesmal eher verwirrt dreinblickte, als ob er sich fragte, warum plötzlich alle auf ihn schimpfen. Die Stationen des Kreuzwegs mutierten zu einer Art dialektaler Anklagebank, bei der jede Versuchung als "volle Sauerei" bezeichnet wurde.
Was als spirituelle Übung begann, entpuppte sich als Therapieabend für Dialekt-Nostalgiker. Plötzlich konnten alle wieder Wörter wie "laung" und "vuabei" verwenden, ohne sich altmodisch zu fühlen. Selbst der Küster murmelte vor sich hin: "Mei, wos is des a G'schrei worn."
Der Höhepunkt war erreicht, als Pfarrer Kolo bei der letzten Station ankam und mit voller Inbrunst "Vollendi is a Kuddlm" schrie. Die Gemeinde war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie gerade einem Gottesdienst oder einer Dialekt-Theater-Aufführung beiwohnte.
Als der Kreuzweg zu Ende war, saßen die Leute in der Kirche und wussten nicht recht, ob sie erleichtert oder schockiert sein sollten. Ein Gemeindemitglied meinte danach: "I hob jo an Scheißdreck gfoin, aber des war a ganz neue Art von Kreuzweg."
Die Bildungsakademie Weinviertel hat mit diesem Projekt bewiesen: Wenn man den Glauben modernisieren will, muss man manchmal einfach die alte Kraft der Schimpftiraden wiederentdecken. Jesus hat's vielleicht nicht gefreut, aber die Poysdorfer Bevölkerung hat jetzt auf jeden Fall neue Vokabeln für ihre Alltagsprobleme.