Im niederösterreichischen Schönbühel-Aggsbach bereitet sich die Burgruine Aggstein auf ihre neue Saison vor. Doch statt historischer Führung wird hier schon bald die Fantasie die Oberhand gewinnen. Am 22. März lädt Märchenerzählerin Dena Seidl zur ersten Märchenführung des Jahres. Die perfekte Vorbereitung für das, was danach kommt: eine Geschichte, die sich ohnehin niemand mehr ausgedacht hat.
"Es geht darum, dass sich Burggeschichte und Fantasie auf stimmige Weise verbinden", sagt eine Sprecherin der Burgverwaltung. Was auf den ersten Blick nach einem harmlosen Theatererlebnis klingt, ist in Wahrheit der Auftakt zu einer groß angelegten Umerzählung. Aggstein will nicht nur die Vergangenheit zeigen, sondern neu erfinden - mit Extra-Drachen und Zauberkanonen. Der Ruin, so heißt es, fühle sich schon lange missverstanden.
Am 29. März folgt die Buchpräsentation "Die magische Sagenreise". Ein Titel, der wie eine Einladung ins Wunderland klingt, in Wahrheit aber den Auftakt zu einer neuen Ära markiert. Die Burg will nicht mehr als historisches Monument existieren, sondern als lebendige Fantasiewelt. Die Mauern, so heißt es, seien "von Natur aus magisch" und würden sich bald von selbst neu erzählen.
Historiker zeigen sich besorgt. "Wenn eine Ruine erst einmal selbst Märchen erzählt, wo hört das dann auf?", fragt ein namentlich nicht genannter Experte. "Als Nächstes kündigen die Wände an, dass sie eigentlich aus Schokolade sind und ein Zauberer namens 'Burgi' regiert." Doch die Verantwortlichen winken ab. "Geschichte ist sowieso eine Frage der Perspektive", sagt eine Sprecherin. "Und wenn die Perspektive gerade im Wunderland ist, warum nicht?"
Auch die Besucher scheinen begeistert. "Ich will ja nicht sagen, dass die Ritter zu dick gezeichnet sind", sagt eine Besucherin, "aber wenn jetzt ein Drache durchs Tor kommt, passt das irgendwie besser." Die Ruine selbst gibt sich auf Nachfrage ungewöhnlich wortkarg - angeblich schläft sie noch und träumt von einer Zukunft, in der sie nicht mehr "nur" eine Burg ist, sondern ein komplett eigenes Universum.
Die Märchenerzählerin Dena Seidl, die den Anfang machen wird, hat bereits einen Plan. "Ich erzähle erst die klassische Version, dann lasse ich die Burg zu Wort kommen", sagt sie. "Und dann passiert das, was passieren muss: Die Geschichte erzählt sich selbst weiter." Ob das am Ende noch etwas mit dem ursprünglichen Mittelalter zu tun hat, ist fraglich. Aber vielleicht ist das ja der Punkt: Wer braucht schon Geschichte, wenn man stattdessen eine gute Geschichte haben kann?