Moskau – Ilja Remeslo, bislang einer der zuverlässigsten Putin-Hofnarren, hat seine Stand-up-Nummer geändert. Aus dem typischen "Russland, oh wie herrlich, Putin, oh wie groß" wurde plötzlich "Putin, oh wie unlegitim, Kriegsgericht, oh wie nötig". Man könnte fast meinen, Remeslo hätte seine Seele bei einem satanischen Schwarzmarkt im Keller des Kremls verkauft und sei jetzt gezwungen, bis in alle Ewigkeit unbequeme Wahrheiten zu äußern.
Der eigentliche Witz an der Sache: Remeslo ist Jurist. Das bedeutet, er kennt sich mit dem russischen Strafgesetzbuch bestens aus. Er weiß genau, dass er mit seiner neuen Meinung in etwa so unbeliebt ist wie ein Bär auf einem Wachsfigurenkabinett. Doch Remeslo trotzt dem System, indem er Telegram nutzt – ein Messenger, den der Staat eigentlich blockieren wollte, aber aus unerfindlichen Gründen nicht blockieren kann. Das ist wie wenn man ein Hochsicherheitsgefängnis mit einer Papiertür ausstattet.
Seine Vorgeschichte macht die Sache noch absurder. Remeslo war Zeuge der Anklage in Prozessen gegen Alexej Nawalny, den Mann, der in Haft starb, weil er zu viel frische Luft gefordert hatte. Leonid Wolkow, Nawalnys rechte Hand, glaubt nicht an die Aufrichtigkeit von Remeslos Sinneswandel. "Ilja Remeslo macht niemals etwas ohne Erlaubnis", schrieb er auf X. Man stelle sich vor, ein Clown würde ohne Clownserlaubnis auftreten. Das wäre ja Anarchie pur.
Die kommende Parlamentswahl in Russland oder die Telegram-Blockadeversuche könnten als Hintergrund dienen. Oder vielleicht will Remeslo nur seine Fangemeinde vergrößern. Wer möchte nicht gerne den Mann unterstützen, der es wagt, den Kreml zu kritisieren und dabei noch die gleiche Frisur zu behalten?
Remeslo versicherte in einem kurzen Video, dass sein Telegram-Konto nicht gehackt worden sei. Er sei auch weiterhin in Russland, erklärte er. Das klingt so glaubwürdig wie eine Diätwerbung von einem Schokoladenfabrikanten. Aber wer weiß, vielleicht ist es tatsächlich wahr. Vielleicht hat Remeslo tatsächlich den Mut gefunden, seine Meinung zu ändern. Vielleicht wird er der neue Held der russischen Opposition. Vielleicht wird er sogar Nawalnys Nachfolger. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Aber wahrscheinlicher ist, dass er nur ein weiterer Bauer im Schachspiel des Kremls ist, der gerade vom Bauern zum Läufer befördert wurde.