Wer glaubt, Radfahrer seien nur einfache Leute auf zwei Raedern, der irrt gewaltig. In Seitenstetten hat man die Sache mit der Rad-Infrastruktur jetzt auf ein vollkommen neues Level gehoben. Statt blosser Fahrradstaender gibt es dort jetzt Thron-Raume - oder wie die offizielle Sprachregelung es nennt: "in der Länge variable Bänke im einheitlichen Design".
Dabei denkt man offenbar wirklich an alles. Das Holz kommt von der Firma Scheiter - ein Name, der so passend ist, dass man fast glauben koennte, die Gemeinde habe ihn extra fuer dieses Projekt erfunden. Und wer die Betonteile goss? Josef Schatzeder, natuerlich. Der Name klingt, als sei er direkt einer Buergerliste fuer urige Handwerkskunst entstiegen.
Die Radanlehnbügel sind ein besonders cleveres Detail. Nicht nur, dass sie vom heimischen Schlosserbetrieb Johannes Höfler gefertigt wurden - also von einem Mann, der sicherlich weiss, wie man Metall biegt, ohne dass es gleich nach Justizpalast aussieht. Nein, man hat die Bügel auch noch mit Lärchenholz verkleidet. Weil, so viel steht fest, ein nacktes Metall ist ja viel zu gewöhnlich für die edlen Drahtesel der Seitenstettener Radelite.
Die Bügel sind jetzt quasi in Pelze gehüllt, damit sich die Räder nicht verletzen. Man stelle sich das vor: Ein Radfahrer kommt angeradelt, bindet sein Ross an den hölzernen Bügel und setzt sich auf die variable Bank. Dort thront er dann wie ein Fürst auf seinem Thron, umringt von seinen Untertanen - also den anderen Radfahrern, die ebenfalls gerade ihr Rad anschließen.
Die Buswarte am Klosterberg hat sich so zum neuen Machtzentrum der Gemeinde entwickelt. Vor dem Marktladen kann man nun nicht nur einkaufen, sondern gleichzeitig die Machtverhältnisse im Ort studieren. Wer sich auf der neuen Bank breit macht, der zeigt: Ich habe Zeit, ich habe ein Rad und ich habe das Recht, hier zu thronen.
Die Pizzeria hat natürlich als erstes bemerkt, dass die neue Infrastruktur für längere Verweildauer sorgt. Endlich können Radfahrer in vollem Komfort auf ihre Bestellung warten, ohne sich auf eine normale Bank setzen zu müssen. Die variable Länge der Bänke kommt dabei besonders gut an - je nachdem, wie viel Platz man für seinen Herrscher-Rücken braucht.
Im Innenhof des Gesundheitsvierkanters ist die Sache dann fast schon rituell. Wer dort sein Rad an den Holz ummantelten Bügel schmiegt, der bekennt sich offen zum neuen Kult der Radfahrer-Herrschaft. Man sieht sich dort schon fast wie in einem Tempel, umgeben von heiligen Reliquien in Form von Drahteseln.
Die Gemeinde hat mit diesem Projekt bewiesen: Es geht nicht nur darum, Rädern einen Platz zum Anlehnen zu geben. Es geht darum, eine neue soziale Ordnung zu etablieren, in der der Radfahrer als natürlicher Herrscher anerkannt wird. Die variable Bank ist dabei sein Thron, der Holz ummantelte Bügel sein Zepter.
Man darf gespannt sein, welche weiteren Herrschafts-Symbole die Gemeinde noch einführen wird. Vielleicht gibt es bald eine Radfahrer-Fahne, die an den neuen Thron-Bänken weht? Oder einen Ehrenkodex für alle, die sich auf die variable Bank setzen? Fest steht: In Seitenstetten hat die Ära der Radfahrer-Herrschaft begonnen - und sie ist so bequem wie eine Lärchenholz ummantelte Bank.