Es ist ein Schicksalsschlag, der mehr Menschen in die Arme des Balletts treibt als alle Abonnement-Werbebriefe zusammen: die Wiener Linien. Man sitzt im Stau, die U-Bahn hat mal wieder einen "unangekündigten Stopp" eingelegt und dann, ganz unverhofft, geht einem das Handyakku aus. Was jetzt? Man muss sich die Finger wund wischen, an den Glastüren des U-Bahn-Wagens.
Und genau dann passiert es: Der kleine Bildschirm im Wartebereich zeigt plötzlich "Schwanensee" in Dauerschleife. Erst denkt man: "Toll, die Propaganda läuft schon wieder." Aber dann, nach dem fünften Mal "Königstanz" und "Schwarzer Schwan" hat man irgendwie das Gefühl, das müsste doch noch irgendwie Sinn ergeben.
Die NÖ-Landestheater haben das natürlich längst durchschaut. Warum sollte man 80 Euro für ein Abonnement ausgeben, wenn man die Kunden auch mit 20 Minuten Warterei in der U-Bahn begeistern kann? Man stelle sich vor, wie der Marketing-Chef triumphierend in der Sitzung verkündet: "Wir sparen uns die teuren Plakate, wir setzen auf Mobile Marketing 2.0: den gefangenen Zuschauer."
Aber zurück zur eigentlichen Frage: Wie kommt man zur Oper? Da gibt es die klassische Variante: Man wird als Kind von den Eltern in einen pompösen Saal gezerrt, beißt sich die Zähne an der Ouvertüre aus und schwört sich, nie wieder freiwillig hinzugehen. Zehn Jahre später trifft man im Studentenheim jemanden, der behauptet, "Turandot" sei "total anstrengend, aber wenn man drin ist, haut's einen um". Und plötzlich sitzt man selbst da, mit tränenden Augen und der vagen Ahnung, dass das Leben komplizierter ist als gedacht.
Oder man landet durch Zufall bei einer Opernaufführung, weil der Vorhang im Kino klemmt und man in den Saal gelotst wird, um nicht aufzufallen. Und dann, in der Pause, stellt man fest: Die Leute hier sind alle ganz normal, sie haben nur etwas früher gemerkt, dass man für die wirklich großen Fragen des Lebens keine Netflix-Serie braucht.
Der wahre Opern- und Ballettfan entsteht also nicht durch Schlüsselerlebnisse, sondern durch eine schleichende Erkenntnis: Irgendwann merkt man, dass das Leben zu kurz ist für alles, was man sich vorgenommen hat. Und dann fängt man eben an, die Dinge zu machen, die einen wirklich berühren - auch wenn sie 15 Minuten länger dauern als die durchschnittliche YouTube-Session.