Die Zeiten sind vorbei, wo Kinder mit "Ochs im Schlauch" spielten oder sich hinter Büschen versteckten, um dann zu rufen "Kommt ihr nicht, dann komme ich!" Seit Mittwoch letzter Woche ist der Spielplatz hinter dem Nogglerhof in Nauders ein Ort existenzieller Entscheidungen. Der Wolf hat nicht nur eine Hirschkuh gerissen, er hat auch die kindliche Psyche neu programmiert.
Während die Erwachsenen in Nauders noch darüber diskutieren, ob sie jetzt Plexiglasplatten um die Spielplätze bauen sollen oder besser Betonmauern, haben die Kinder längst adaptive Strategien entwickelt. "Wir spielen jetzt 'Wolf jagt Hirsch', aber mit echtem Überlebensdruck", erklärt ein siebenjähriger Junge, der lieber anonym bleiben möchte. "Wenn man erwischt wird, muss man tot spielen. Das machen wir jetzt immer so."
Der Bauer vom Nogglerhof, der die Hirschkuh fand, schläft seitdem nicht mehr. "Ich hab' Angst, dass der Wolf jetzt auch unsere Kühe frisst", sagt er. Die Kinder haben diese Sorge nicht. Sie haben gelernt, dass man sich besser tot stellt, wenn ein Raubtier kommt. "Das haben wir von der Hirschkuh gelernt", sagt ein Mädchen. "Wenn man sich tot stellt, frisst er einen vielleicht nicht."
Die Gemeinde erwägt, den Spielplatz mit einem Wolfsabwehrzaun zu sichern. Die Kinder finden das unnötig. "Wir bauen jetzt unsere eigenen Zäune", sagt ein Kind. "Aus Stöcken und Steinen. Und wir üben, wie man sich tot stellt. Das ist wichtig."
Die Erwachsenen nennen es Panik. Die Kinder nennen es angepasstes Verhalten. Während die Eltern über Sicherheitsmaßnahmen nachdenken, haben die Kinder bereits die Hierarchie in der Nahrungskette neu geordnet. Jetzt sind sie nicht mehr nur Kinder, die spielen. Sie sind Überlebende, die lernen. Und das ist vielleicht die größte Lektion, die der Wolf ihnen beigebracht hat.