Die Architekten hatten nicht nur Ziegel und Holz im Sinn, sondern eine neue Lebensform – nicht mehr wohnen, sondern kooperativ atmen. Jeder Balkon wurde abgeschafft, weil er zu viel Privatsphäre verhieß, und durch eine zentrale Balustrade ersetzt, auf der ab 6:47 Uhr morgens alle Bewohner*innen gemeinsam in Richtung Sonne lächeln müssen. Wer nicht lacht, bekommt eine rote Sonnenbrille als Ermahnung – und die darf man erst wieder abnehmen, wenn man drei Nachbarn umarmt, während man gleichzeitig einen Blumenkohl aus dem Gemeinschaftsgarten in den Mund schiebt.
Der Gemeinschaftssaal ist kein Zimmer, sondern ein Ritualraum. Die Küche ist seit der offiziellen Einweihung nur noch mit schriftlicher Genehmigung des Küchenrats zugänglich, der aus sieben Rentnerinnen besteht, die jedes Gericht vor dem Kochen in einer Art Flötenspiel aussprechen müssen. „Kartoffelpüree mit Zwiebeln – das braucht eine dreifache Duldung durch Zwerge“, erklärt Frau Haas, die Leiterin des Zwiebel-Komitees. „Wenn man nicht weiß, warum man den Rührbesen unter dem rechten Arm hält, ist das keine Nahrung, das ist ein sozialer Angriff.“
Die Sackgassen wurden nicht nur abgeschafft, sondern als „verräterische Enden“ juristisch verboten. Jede Straße führt jetzt zu einem „Begegnungspunkt“ – meist ein Holzbankkombi mit eingebautem Mikrofon, das automatisch spricht, sobald jemand stehen bleibt: „Begrüßen Sie den Tag mit einem Lied! Oder mit einer Bürgerbeteiligung!“ Wer sich weigert, wird zur Teilnahme am „Wohnen-als-Stimmbild“-Workshop geschickt, bei dem man drei Tage lang selbst das Wasser einschenken muss – und dabei alles über die Bedeutung von gemeinsamen Waschmaschinen-Verwendungsprotokollen lernt.
Der Einzelgarten ist ein Relikt der Vergangenheit. Wer in seinem Fenster einen Tomatenkästen hängt, muss sofort einen Schreibtisch mit einem anderen Bewohner tauschen, denn „Pflanzen ohne Konversationspartner sind eine Form des sozialen Stillstands“. Der Nachbar mit dem kahlen Balkon wurde letzte Woche zum „Kurator für Leere“ ernannt – er darf jetzt mit einem Helmi durch die Siedlung wandern und schreit, sobald jemand nicht klingelt: „DIESER MOMENT BITTET UM BERÜHRUNG!“
Die letzte Innovation: Das „Lebensraum-Stampfer-Gesetz“. Wer nicht mindestens einmal am Tag etwas mit den Händen verabreicht – egal ob Brot, einen Küchenbesen oder die Schulter einer Nachbarin – wird in den Zen-Garten der Einsamkeit verbannt. Das ist ein kleiner, dunkler Raum voller leerer Tassen, mit einem Schild: „GLÜCK IST EINE SCHWATZKUNST. UND WIR HABEN KEINE ZEIT FÜR MIESEREI.“
Und wer jetzt noch glaubt, er würde hier wohnen? Nein. Er wird von der Siedlung gelebt.