Man darf der heimischen Verwaltung gratulieren. Wieder einmal wurde mit chirurgischer Präzision das getan, was niemand bestellt hat und alle kommen sehen. Die Emissionen steigen, und zwar nicht irgendwie, sondern um 0,7 Prozent. Eine Zahl, die so höflich daherkommt wie ein Kratzen am Revers beim Staatsakt: kaum spürbar, aber unübersehbar.
Das eigentlich Faszinierende ist ja die Klarheit, mit der die Republik an ihren eigenen Zielen vorbeischrammt. EU sagt, bis soundso viel Tonnen erlaubt. Österreich sagt, halten wir ein, und überschreitet die Marke im selben Atemzug um 0,8 Millionen Tonnen. Das ist weniger ein Versagen als ein Stil. Man kennt das von handwerklichen Betrieben, die auch noch das letzte Stück Holz zersägen, das unter den Tisch gefallen ist, nur um den Auftrag sauber abzuschließen. Hier wird aufgeräumt.
Dazu passt die offizielle Kommunikationskultur wie der Deckel auf den Kochtopf. Irgendwer spricht von einer Nahzeitprognose, damit das Wort „Prognose“ wenigstens irgendwo vorkommt, obwohl die Sache ohnehin schon passiert ist. Die Republik prognostiziert die Gegenwart. Das ist ungefähr so, wie der Wetterbericht um fünf vor zwölf verkündet, dass es gerade regnet, und die Zuschauer dabei zusehen, wie die Tropfen die Windschutzscheibe runterlaufen.
Das Milliönchen CO₂, das noch draufgekommen ist, entspricht in etwa dem Ausstoß eines mittelgroßen Familientreffs mit gegrilltem Hendlfleisch und drei ausufernden Reden über die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit. Man darf sich also vorstellen, wie ein Onkel, der seit dreißig Jahren einen SUV fährt, am Sonntag mit fettigen Fingern erklärt, die Jungen sollen halt weniger heizen. So ungefähr liest sich das alles, wenn man zwischen den Zeilen horcht.
Spannend wird es bei den Zielen für 2030, die jetzt so realistisch wirken wie der Vorsatz, ab Montag weniger Schokolade zu essen, aufgestellt an einem Karfreitag um halb drei. Die Differenz zwischen dem, was erlaubt wäre, und dem, was tatsächlich passiert, wächst von Jahr zu Jahr um genau jene Größe, die man ignorieren kann, ohne dass es sofort in der Zeitung steht. Eine Art Wohlfühlmarge für das kollektive Gewissen. Niemand muss sich schämen, alle können weitermachen.
Die Pointe kommt zum Schluss wie immer unspektakulär: Irgendwann wird man in einer Pressekonferenz sitzen, bedeutungsvoll auf das Mikrofon schauen und verkünden, dass die Maßnahmen greifen, weil die Kurve ab jetzt exponentiell verlaufen müsste, um das Ziel zu erreichen. Mathematik ist halt ein schwieriges Fach, besonders wenn man sie nicht anwendet. Bis dahin bleibt die Republik ein zuverlässiger Lieferant warmer Luft im doppelten Wortsinn und macht weiterhin das, was sie am besten kann. Nämlich exakt das Minimum tun und so tun, als wäre es das Maximum.