Stellen wir uns das einmal ganz nüchtern vor. Da sitzt eine Frau auf einem Stuhl, seit 1413 Tagen, und schafft es, nicht aufzustehen. Weder für ein Frühstück, noch für ein Mittagessen, noch für eine Parlamentsauflösung. Andere schaffen das nicht mal im Stammcafé, wenn die Karte schon serviert wird und der Ober dezent mit dem Fuß wippt. Giorgia Meloni schafft es, eine ganze Legislaturperiode auszuhalten, als wäre sie eine besonders zähe Bolognese, die einfach nicht weichkochen will.
In Wien geht man ja bekanntermaßen mit solchen Begrifflichkeiten etwas lockerer um. Eine Koalition, die länger als ein Jahr hält, gilt hier bereits als politisches Denkmal, am besten gleich mit Bronzetafel und einem schmalen Begleitbüchlein. Dass ausgerechnet Italien nun eine Amtsinhaberin feiert, die es länger aushält als Berlusconi in seiner zweiten Inkarnation, hat eine gewisse Ironie. Berlusconi hat immerhin noch nebenbei Fernsehformate moderiert und Junggesellenbühnen bespielt, was ein deutlich höheres Pensum an öffentlicher Präsenz darstellt als das, was in Rom derzeit abgeliefert wird.
Was die Italiener Stabilität nennen, würden wir hierzulande vermutlich als eine Art kollektive Betriebsblindheit bezeichnen. 68 Regierungen seit 1946, das klingt erst einmal nach einem schlecht eingestellten Kartenhaus. Andererseits, wenn man sich die Namen einiger Vorgängerinnen und Vorgänger ansieht, fragt man sich schon, wie viele davon überhaupt den Weg vom Frühstückstisch ins Parlament gefunden haben, ohne vorher noch schnell an der Bar halt zu machen. Insofern ist jede Regierung, die länger als eine durchschnittliche Wiener Schanigarten-Saison hält, schon eine Leistung.
In Brüssel verfolgt man das Ganze mit der üblichen Mischung aus höflicher Anerkennung und innerer Schadenfreude. Wenn eine Regierungschefin länger durchhält als die meisten europäischen Innenministerfamilien beim Sonntagsbraten, dann ist das irgendwie auch ein stiller Vorwurf an alle anderen. Andererseits war Meloni im Wahlkampf noch die große Revolution, jetzt ist sie eher so etwas wie die neue Spiegelbild-Kolumne, die alle lesen, aber niemand mehr aufschreckt. Man hat sich einfach an die Augenbraue gewöhnt.
Wirklich bemerkenswert wird das Ganze, wenn man den historischen Kontext mitliest, den die Zeitung freundlicherweise mitliefert. Politisch sozialisiert im neofaschistischen Milieu, was die Sache gleich in ein etwas anderes Licht rückt. Wer sich dort die Sporen abverdient hat, bringt in der Regel eine gewisse Robustheit mit, die man nicht unbedingt aus Seminaren an der Bocconi bezieht. Wer in seiner politischen Heimat das Maul aufgerissen hat, ohne gleich zurückgepfiffen zu werden, der bleibt eben auch mal 1413 Tage lang auf einem Sessel sitzen, als wäre dieser Sessel ein Altar.
Die eigentliche Frage, die sich die italienische Öffentlichkeit stellen sollte, ist allerdings eine ganz andere. Nicht, wie lange jemand im Amt sitzt, sondern wie lange das Land das aushält. Rekorde sind im Sport etwas Schönes, in der Innenpolitik eher ein Hinweis darauf, dass entweder die Opposition völlig ausgefallen ist oder die Wählerschaft ein verdächtig gutes Schmerzmittel einnimmt. In Österreich würden wir bei einer solchen Konstellation sagen, der Sessel gehört abgenutzt wie eine Kaffeetasse im Kanzleramt. Und wer weiß, vielleicht steht da in Rom tatsächlich bald eine Vitrine mit einer kleinen Plakette: Hier saß eine Frau, sie war nicht immer einverstanden mit allen, aber sie war da. Das ist mehr, als man von vielen ihrer Vorgänger behaupten kann, weshalb die Lobreden jetzt wohl eher gedämpft ausfallen. Eine gewisse Müdigkeit im Ton ist nicht zu überhören, und das ist vielleicht die einzige ehrliche Regung in der ganzen Geschichte.