Man stelle sich eine Katastrophe vor, die nach Lavendel und Kletzen duftet. In den Kellergassen von Jedenspeigen haben findige Winzer ein Problem gelöst, das die Menschheit seit der Erfindung des Korkens plagt: Was tun mit Leuten, die eigentlich nur ein Achterl wollten? Die Antwort war so einfach wie bestechend. Man lädt sie ein, unter dem Motto „Keller & Kosten" durch rund 150 Weine zu navigieren, wobei die Kosten erfreulicherweise nicht im Eintritt liegen, sondern im anschließenden Kontostand.
Die Winzer aus Jedenspeigen und Sierndorf haben sich zu einer schlagkräftigen Allianz zusammengerottet, die in der lokalen Landwirtschaft vermutlich als das Äquivalent eines mittelalterlichen Ritterordens gilt. Man präsentiert stolz die gesamte Palette vom pfeffrigen Weinviertel DAC bis zum Reservewein, der so schwer ist, dass man ihn eigentlich mit zwei Händen heben sollte. Das Ganze nennt sich dann Weinstraße Südliches Weinviertel, was klingt, als hätte jemand eine Autobahnauf- und abfahrt gleichzeitig erfunden.
Unter der Rubrik „Keller & Kulinarisches" wurde den Besuchern mit herbstlichen Spezialitäten auf den Leib gerückt. Hier zeigt sich die geniale Verdopplung des regionalen Angebots. Man steht also in einem historischen Kellergewölbe, isst Brettljause und trinkt dazu einen Veltliner, während man sich einredet, man feiere das kulturelle Erbe. Tatsächlich feiert man, dass man samstags die Küche nicht benutzen musste.
Die historische Kellergasse diente als perfekte Bühne für allerlei kulturelle Angebote, wobei der Begriff „kulturell" hier alles umfassen darf, was zwischen Mostviertler Bauernblasmusik und einem jungen Mann mit Laptop liegt. Für die jüngsten Besucher gab es ein eigenes Kinderprogramm, was im Klartext heißt: Man hat die Kleinen in einen Nebenraum gestellt, damit sie beim elterlichen Verkosten kein Wort mitbekommen, das später beim Familienrat erklärt werden müsste.
Als krönenden Abschluss durfte man noch die Ausstellung auf Schloss Jedenspeigen besuchen, was den Verdacht nahelegt, dass die Veranstalter ganz am Ende doch noch ein schlechtes Gewissen wegen der reinen Trinkfreude bekamen und etwas mit Bildung kompensieren mussten. So wurde aus einem deftigen Trinkfest ein kultiviertes Trinkfest, was die Welt dringend gebraucht hat.
Das wahre Wunder dieser Veranstaltung bleibt jedoch unsichtbar. Es ist die schier grenzenlose Fähigkeit einer Dorfgemeinschaft, jeden Besucher so lange zu bewirten, bis er entweder die Treppe nicht mehr hochkommt oder die lokale Bevölkerung adoptiert. Wer hier nach drei Stunden noch aufrecht geht, hat nachweislich das Programm nicht ausreichend genutzt. Wer nach sechs Stunden die Namen aller anwesenden Winzer mit Vornamen kennt, hat sich verdient gemacht und sollte in das goldene Buch des Ortes eingetragen werden. Man kann nur hoffen, dass es ein solches überhaupt gibt, sonst müsste man es erst erfinden, und das wäre dann doch ein bisschen viel Aufwand nach 150 Weinen.