Man muss sich das einmal vorstellen: Zweihunderttausend Menschen, ach was, fünfzehnhundert, nein, einhundertfünfzig. Einhundertfünfzig Menschen haben sich an einem Samstagabend aufgemacht, um das zu sehen, was die Geschichtsbücher dereinst als Schlacht von Gloggnitz II gegen Ternitz verbuchen werden. Sie saßen auf ihren Plätzen, hielten ihre Würstchen, und warteten. Und sie warteten. Und warteten weiter.
Denn was in der ersten Halbzeit geschah, war so wenig, dass selbst der Notizblock des Chronisten eine Geste der Verzweiflung andeutete. Null zu null, was in der Fußballsprache bedeutet: Es ist nichts geschehen, aber wir geben uns die Ehre, das auch noch aufzuschreiben. Trainer beider Lager dürften in diesen Minuten die existenzielle Frage erwogen haben, ob der Beruf des Fußballtrainers in der niederösterreichischen Provinzliga-Reserve überhaupt noch eine Rechtfertigung darstellt, wenn die einzige taktische Maßnahme der Halbzeitpause das Kauen von Mundschutz ist.
Dann, in der siebenundsiebzigsten Minute, geschah es: Aigner. Ein Name, der in keinem Lexikon steht, der in keinem Stadionhallen-Epos besungen wird, der vermutlich auch beim Bäcker keine bevorzugte Behandlung genießt. Aigner traf. Und ganz Gloggnitz II – soweit man bei einer zweiten Mannschaft überhaupt von „ganz" sprechen kann – atmete auf. Zehn Minuten später schlug Maschler nach, und alle wussten: Dies ist der Abend, an dem Ternitz verlernte, was Hoffnung ist.
Schiedsrichter Hasan, dessen Vorname in österreichischen Sportstätten schon allein wegen seiner Klangfarbe eine gewisse Gravitas mitbringt, führte das Spiel mit der Strenge eines Mannes, der weiß, dass er an einem Samstagabend in der niederösterreichischen Kreisliga-Reserve-A-Klasse niemanden beeindrucken muss, aber trotzdem das Regelwerk bis zum letzten Komma durchsetzt. Fink bekam Gelb wegen Unsportlichkeit in der dreiundsiebzigsten Minute, vermutlich weil er atmen wollte. Yücel folgte mit einer Verwarnung wegen Fouls, was im Grunde genommen eine Bestätigung dafür ist, dass Fußball ohne Fouls nicht mehr Fußball wäre, sondern eine Yoga-Stunde.
Die Auswechslungen liest man wie eine Kriegsliste: Hodzic kam für Raci, Maschler ging für Düzce, und die Zuschauer merkten, dass dies vermutlich die einzigen Namen sind, die sie je mit einer konkreten Handlung in Verbindung bringen werden. Yüksel musste schon zur Halbzeit für Yücel weichen, was den Verdacht nährt, dass der Trainer von Ternitz bereits in der Pause wusste, dass die zweite Halbzeit nur noch Formsache sein würde. Laiq kam für Ayhan Atabinen, Jürgen Röcher – allein dieser Name klingt nach einem Mann, der schon in den Siebzigern Torhütermasken trug – wich Leisentritt, was klingt wie eine Therapieform, aber tatsächlich nur ein Einwechselspieler war.
Was bleibt von diesem Abend? Ein Ergebnis, das in einer Datenbank steht. Ein Schiedsrichter, der seinen Job gemacht hat. Ein paar Karten, die an einem späteren Samstag wieder vergessen sein werden. Und hundertfünfzig Menschen, die zu Hause erzählen werden, sie seien dabei gewesen, als Gloggnitz II Ternitz besiegte. Vermutlich werden sie es ein wenig ausschmücken. Vermutlich werden sie hinzufügen, dass sie in der Nähe der Bande standen. Vermutlich werden sie es irgendwann glauben.
So ist das mit dem Fußball in der Provinz: Er ist die Generalprobe für die große Gleichgültigkeit des Lebens. Man kämpft, man verliert, man gewinnt, und am Ende fragt niemand nach dem Spielbericht. Aber an diesem einen Abend, in diesem einen Stadion, bei diesem einen Schiedsrichter, war die Welt noch in Ordnung. Oder zumindest so in Ordnung, wie eine Null zu null Halbzeit es eben zulässt.