219 Menschen, ein einziger Monat, ein einziges Meer, und die europäische Antwort ist ein kollektives Achselzucken, das in seiner Synchronizität fast schon wieder beeindruckt. Wäre es ein Balletttanz, die europäischen Hauptstädte würden sich gegenseitig Standing Ovations geben. Stattdessen zählt eine Hilfsorganisation mit Schiff, Geld und Personal, deren einzige Lobby das eigene Gewissen ist, was eigentlich die Küstenwachen, die Frontex und die halbe Bürokratie zwischen Lampedusa und Tallinn mitfinanzieren müssten.
Die schönste Erfindung der EU in diesem Sommer ist der Begriff „Geister-Schiffsunglück“. Klingt nach Mystery-Serie auf einem späten Sendeplatz, ist aber leider ein Verwaltungsbegriff für jene Boote, die verschwinden, als hätte das Meer sie geschluckt, während die zuständigen Stellen einander erklären, man sei gerade nicht zuständig. Stell dir vor, ein Bus fährt in einen See, und drei Ministerien diskutieren per Pressemitteilung, wer eigentlich den Rettungsring werfen sollte. In Österreich würde man wenigstens noch Kaffee trinken, bevor man es ablehnt.
Besonders rührend ist die Pose jener Politiker, die jeden Sommer mit großen Worten übers Mittelmeer schimpfen, sobald die Kameras laufen, und im Herbst dieselben Worte benutzen, um das Budget für Seenotrettung auf das Niveau eines Vereinsausflugs zu drücken. Man kann sich das wie eine Diät vorstellen: Europa nimmt sich jedes Jahr ein paar Milliarden weniger, bis am Ende nur noch das gute Gewissen übrig bleibt, mager, aber dafür fotogen.
219 Menschen sind übrigens, je nachdem wen man fragt, entweder eine humanitäre Katastrophe, eine tragische Wetterlage, ein strukturelles Problem oder schlicht Pech. Es ist wie beim Würstelstand: Die Krainer schmeckt nur deshalb so gut, weil niemand darüber nachdenkt, was alles hätte schiefgehen können. Beim Mittelmeer wird genau das umgekehrt gehandhabt. Man denkt darüber nach, gar nichts zu tun, und serviert es als politische Linie.
Natürlich gibt es wieder die wunderbare Erfindung jener, die sagen: sichere und legale Wege. Klingt wie eine Autobahnauffahrt in einem Land, in dem man seit drei Jahren keinen Führerschein mehr bekommt. Solche Sätze sind die politische Form von „Ich ruf dich zurück“, nur ohne den Rückruf. Man stellt sie auf, lässt sie ein Jahr lang in der Sonne bleichen, und im nächsten Wahlkampf klingen sie noch immer frisch, weil sie nie benutzt wurden.
Am Ende bleibt das Bild eines Plastikbootes irgendwo zwischen Libyen und Sizilien, umkreist von Drohnen, die präzise dokumentieren, wie es sinkt. Mehr Daten, weniger Rettung. Europa hat das Sammeln von Zahlen perfektioniert, nur leider vergessen, was man mit den Zahlen anfängt, bevor alle weg sind. Sea-Watch darf weiter zählen, Brüssel darf weiter erklären, und die Toten dürfen weiter treiben, weil es dafür offenbar noch keinen Fördertopf gibt.