Man stelle sich vor: Da haben die Bleiburger 633 Jahre lang ihren Wiesenmarkt gefeiert, und niemand hat es für nötig befunden, das politisch ordentlich einzuordnen. Das wurde nun am Samstag nachgeholt, und zwar mit der Diskretion, die man von einer Eröffnung erwartet, die streng genommen nur eine Wiedereröffnung ist. Festumzug, Pachtzins, Verlesung einer Urkunde aus 1578, als handle man auf Geheiß von Papst Gregor XIII., der seinerzeit offenbar nur darauf wartete, dass in Unterkärnten endlich jemand einen Würstlstand aufstellt.
Die Crème de la Crème der regionalen Politprominenz war natürlich zur Stelle. Landeshauptmann, sein Stellvertreter, zwei Landesräte, diverse Wirtschafts- und Landwirtschaftskammerpräsidenten – eine Aufstellung wie die Startelf beim Dorfturnier, nur dass hier jeder eine Rede hält, als ginge es um den Friedensnobelpreis. Man weiß gar nicht, wen man zuerst zitieren soll, weil alle im Grunde dasselbe sagen: Der Wiesenmarkt ist Tradition, ist Wirtschaft, ist Begegnung, ist Familie, ist Kärnten, ist Identität, ist im Zweifel auch die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es fehlt eigentlich nur noch, dass jemand den Wiesenmarkt offiziell zum UNESCO-Weltkulturerbe der Selbstfeier erklärt.
Besonders rührend ist die wiederkehrende Betonung der „grenzüberschreitenden Bedeutung" und der „Alpen-Adria-Ausstellung". Das klingt verdächtig nach jener Art von Diplomatie, die entsteht, wenn Politiker in einem Festzelt sitzen, Sackerl mit Kärntner Nudeln in der Hand, und plötzlich feststellen, dass Slowenien, Italien und Kroatien ja eigentlich ganz nette Nachbarn sind. Man darf sich das vorstellen wie einen Stammtisch, der sich spontan zum Völkerverständigungsgipfel erklärt. Slowenische Gäste werden herzlich begrüßt, solange sie Speck und Wein mitbringen. Italienische Gäste werden herzlich begrüßt, solange sie das Wetter mitbringen. Kroaten sind ohnehin schon da, die braucht man nicht einzuladen, die kommen einfach.
Das Wirtschaftsfaktor-Argument ist besonders stark, weil es bei Volksfesten immer funktioniert. Vom Wiesenmarkt profitieren Aussteller, Gastronomie und regionale Produzenten – also im Wesentlichen alle, die vorher auch schon profitiert haben, nur jetzt mit besserer Begründung. Die Logik ist so alt wie der Markt selbst: Erst feiern, dann rechnen, dann in der Kammerpressekonferenz sagen, dass es wichtig für die regionale Wertschöpfung war. Wenn man sich die Liste der Redner ansieht, könnte man glatt glauben, die ganze Kärntner Landesregierung sei nur deshalb im Amt, um den Wiesenmarkt zu retten, und nicht umgekehrt.
Besonders poetisch wird es, wenn der Bürgermeister ans Rednerpult tritt und mit einer Gedenkminute beginnt. Das ist an sich keine schlechte Idee, wenn man bedenkt, dass sein Vorgänger verstorben ist und man sich in einer kleinen Stadt befindet, wo jeder jeden kennt. Allerdings wirkt die Kombination aus Trauer und Wirtschaftsfaktor-Rhetorik ein wenig wie eine Beerdigung mit Rahmenprogramm. Man gedenkt des Verstorbenen, erwähnt die große Tradition, betont die wirtschaftliche Bedeutung, und am Ende steht der Festzug. So muss man sich das vorstellen, wenn man in Kärnten Politik macht: immer schön den Bogen von der Seele zum Wurstel.
Was am Ende bleibt, ist ein Fest, das seit 633 Jahren existiert und das auch ohne Politiker existieren würde. Aber dann wäre die Presseaussendung leer, die Rednerliste kurz, und die Kärntner Identität hätte plötzlich niemanden mehr, der sie feierlich verliest. Also stellen sich die Landespolitiker auf, lächeln in die Kameras, die gar nicht da sind, und tun so, als hätten sie den Wiesenmarkt nicht nur entdeckt, sondern auch gleich erfunden. Und nächstes Jahr geht das Spiel von vorne los, nur dann mit 634 Jahren Tradition, was die Reden um genau jene Pointe reicher macht, die kein Mensch braucht.