Es gibt ja bekanntlich zwei Sorten von Europäern. Die einen tragen Sorgenfalten wegen der Energiepreise, die anderen wegen der Schubladen. Letztere Gruppe hat jetzt neue Nahrung bekommen, denn irgendein Bericht, dessen Autoren vermutlich nie selbst eine Schublade aufgemacht haben, rechnet uns vor, dass in unseren Wohnungen Rohstoffe im Wert von 65 Milliarden Euro vor sich hin dämmern. Eingebaut in Form von 700 Millionen Smartphones, die zwischen vergessenen Ladekabeln und einem einzigen, hochgeheimnisvollen In-Ear-Stöpsel liegen, den niemand mehr einzusetzen wagt.
Man stelle sich das einmal vor. Während die Industrie verzweifelt nach seltenen Erden schürft, liegen wir abends auf der Couch, zappen durch Streamingdienste und ahnen nicht, dass unter dem Aktenberg eine geopolitische Waffenkammer schlummert. China, heißt es, hat bei schweren seltenen Erden quasi das Monopol. Eine schöne Vorstellung, dass ausgerechnet das gebrauchte Samsung Galaxy aus dem Jahr 2018 den Weltmarkt ins Wanken bringen könnte. Diplomatie der Zukunft sieht dann so aus, dass ein chinesischer Botschafter höflich fragt, ob wir bitte das dritte Handy aus der linken Schublade ausleihen dürfen.
Natürlich darf bei solchen Gelegenheiten das Kreislaufprinzip nicht fehlen. „Cradle to Cradle“ klingt beruhigend wie eine Bauchgeburt und ist ungefähr so romantisch. Geräte sollen demnach von Anfang an so designt werden, dass man sie auseinandernehmen kann wie ein Kinderspielzeug. Ohne giftige Stoffe, schön modular. Was nach dieser Logik folgerichtig als Nächstes kommt, ist eine Waschmaschine, die sich nach getaner Arbeit diskret selbst zerlegt, diskret in die Recyclingtonne marschiert und dort höflich auf den LKW wartet. Man wird sie vermissen.
Dass die offizielle Sammelquote bei 43 Prozent liegt, ist natürlich niemandes Schuld. Schon gar nicht die der Bürger, die ihre Geräte horten, weil das Entsorgen erfahrungsgemäß mit Formularen, QR-Codes und der Frage verbunden ist, ob man den Akku bitte zuerst „neutralisieren“ möchte. Lieber lässt man das alte Ding also liegen, bis es archäologischen Wert hat. Irgendwann werden Studierende der Zukunft diese Schubladen ausgraben und unsere Kultur anhand der darauf befindlichen Emojis rekonstruieren. Eine Wissenschaft für sich.
Die Studie empfiehlt deshalb, Geräte künftig als „Materialbanken“ zu konzipieren. Schöner Begriff. Eine Bank, die nichts kostet und trotzdem Zinsen bringt, in Form von Kobalt und Lithium. Man darf sich nur fragen, wer bei dieser Bank der Kunde ist. Offenbar der Staat, der die Bürgerinnen und Bürger bald mit großer Geste auffordern wird, ihr Hab und Gut gefälligst in die Kreislaufwirtschaft einzuspeisen. Pfand gab es schon für Flaschen, nun also für die Badezimmerwaage. Wer sie nicht bringt, macht sich mitschuldig an Chinas Monopolstellung.
Am Ende ist es wie immer. Eine Zahl wird in die Welt gesetzt, 700 Millionen, die klingt nach viel und bedeutet nichts, weil sie vermutlich auch jene Handys mitzählt, die seit Jahren in der Plastikhülle stecken und nur darauf warten, dass sich irgendjemand erbarmt. Statt sich diese Zahlen zu Gemüte zu führen, könnte man auch einfach den eigenen Keller aufräumen. Aber wer will schon die geopolitische Weltlage enttarnen, bevor der Frühstückstisch abgewischt ist.