Handball in Feldkirch, das klingt zunächst nach einem Ort, an dem die Welt noch in Ordnung ist. Kein Skandal, kein Millionen-Budget, keine Kameraschwenks über Tribünen mit VIP-Lounges, sondern einfach eine Halle, ein Ball und ein paar Frauen, die sich seit Mitte Juli den Schweiß aus den Poren pressen. Das Training ist vorbei, die Sprüche sind gereift, und am Samstag um 19 Uhr wird in der Reichenfeldhalle das getan, was man in Vorarlberg traditionell unter Saisonstart versteht: man gibt sich optimistisch, redet über Charakter und hofft, dass die Knie halten.
Trainer Zoltan Balogh ist mit der bisherigen Arbeit zufrieden, was an sich schon eine kleine sportphilosophische Meisterleistung ist, weil Zufriedenheit im Trainingslager die seltenste Sportart überhaupt ist. Er verweist allerdings auf den kleinen Kader, was nichts anderes heißt, als dass bei zwei Ausfällen gleichzeitig die Bank plötzlich aus einer einzigen motivierten Zuschauerin besteht, die eigentlich nur wegen des Buffets gekommen ist. Vier Spielerinnen haben den Verein verlassen, dafür stehen mit Zorana Jurcevic und Sissi Klammer zwei Neue im Tor und auf dem Feld. Sissi Klammer, allein der Name klingt nach Kaiserschmarrn, Bergwetter und einer Moral, die jedem Stürmer den letzten Nerv raubt.
Das klare Ziel lautet Klassenerhalt. Acht bis zehn Punkte sollen her, möglichst schnell, am besten in den ersten Spielen, weil man in der WHA die Tabelle gerne so liest wie eine Speisekarte im Vorarlberger Wirtshaus: Hauptsache, die Suppe ist warm, und am Ende steht man nicht auf der Kartei der Gäste, die gehen mussten. Charakter und Zusammenhalt werden als größte Stärke genannt, was in der Sportwelt ungefähr so viel heißt wie: die wirklich teuren Spielerinnen haben wir nicht, aber dafür sitzen wir nach der Niederlage alle gemeinsam weinend im Bus. Sarah Alibegovic versichert, der Erfolg im letzten Jahr sei kein Zufall gewesen, sondern das Ergebnis von Teamstärke, Zusammenhalt und Spaß, also exakt den drei Dingen, die in jedem zweiten Vereinsheft zwischen Sponsorenhinweis und Kantinenplan stehen.
Dass ausgerechnet roomz JAGS Vöslau der erste Gegner ist, passt zur Dramaturgie. Vöslau klingt nach Thermalwasser, Kurpark und einem Handball-Stil, der weniger auf Gegenpressing setzt als auf gepflegte Rehabilitation. In Feldkirch wird man sich also warm anziehen, metaphorisch und wahrscheinlich auch physisch, denn Hallenboden ist Hallenboden, und der Ball bleibt rund, auch wenn die Beine schwer werden. Sollte es tatsächlich gelingen, acht bis zehn Punkte in den ersten Spielen zu sammeln, hat der Verein endlich etwas, womit man beim Sponsorenfrühstück zwischen Kaffee und Kipferl glänzen kann. Sollte es nicht gelingen, bleibt immerhin der Charakter, und der ist bekanntlich nicht absteigsgefährdet.
Am Ende ist es ja wie immer im kleinen Ballsport: Es geht nicht ums Geld, es geht nicht um die ganz großen Titel, es geht darum, dass man sich gegenseitig versichert, dass alles gut wird, solange man nur fest genug daran glaubt. Dass die Spielerinnen das tatsächlich tun, sieht man am Trainingsstart am 20. Juli. Wer am zwanzigsten Juli freiwillig in einer Halle schwitzt, hat entweder einen sehr ehrgeizigen Fitness-Tracker oder ein Herz, das größer ist als der Kader. In Feldkirch tippt man auf Letzteres, kombiniert mit einer Portion Vorarlberger Sturheit, die selbst die gegnerische Deckung an deren eigene Grenzen bringt. Samstag, neunzehn Uhr, Reichenfeldhalle, die neue Saison kann kommen. Der Ball liegt bereit, das Buffet wahrscheinlich auch.