Acht Meter siebzig. Das ist die Höhe, die eine bereits sehr hohe Staumauer noch höher bekommen soll, weil offenbar jemand im Tal gemessen hat, dass Selbstbewusstsein in Salzburg pro zusätzlichem Betonblock um etwa dreißig Prozent steigt. Ganz normale Betonierarbeiten seien das nicht, heißt es, und man darf das glauben, weil man gleichzeitig auch glaubt, dass ein Kraftwerk, das ohnehin schon Strom erzeugt, noch ein bisschen mehr Strom erzeugen kann, wenn man vorher eine Mauer vergrößert. So funktioniert eben Logik, wenn man sie konsequent ignoriert.
Was hier wirklich passiert, ist natürlich ein Monument der Selbstdarstellung. Eine Staumauer zu erhöhen ist im Grunde nichts anderes, als einem ohnehin schon lauten Menschen noch ein größeres Megaphon in die Hand zu drücken. Man stelle sich vor, ein Hotelier in Tirol würde sein Schild einfach um drei Stockwerke nach oben versetzen, nur weil der Slogan darunter jetzt doppelt so wichtig klingt. Hier ist es exakt dasselbe, nur in Beton, mit Helikoptern und einem Endfertigstellungstermin, der klingt, als würde er von einem Uhrmacher gestellt, der selbst nicht mehr genau weiß, welche Uhr er meint.
Die zuständigen Techniker, das erfährt man zwischen den Zeilen, haben unter besonderen Bedingungen gearbeitet. Das ist eine elegante Formulierung, die in Österreich traditionell bedeutet, dass es entweder geregnet hat, die Seilbahn ein bisschen geklemmt ist, oder irgendjemand im Tal den Wetterbericht doch nicht ganz ernst genommen hat. Besondere Bedingungen sind das Codewort für Zustände, die in jeder anderen Branche als normale Arbeit gelten würden. Auf einer Baustelle sind besondere Bedingungen etwa dann gegeben, wenn der Himmel freundlich guckt und der Beton nicht kocht. Das ist in etwa so spektakulär wie ein Sonnenaufgang in Kärnten.
Dass die Generatoren beim dritten Kraftwerk in der Limberg-Familie noch bis Ende 2026 repariert werden sollen, ist ein Satz, der in seiner Beiläufigkeit fast schon wieder schön ist. Irgendwo zwischen zwei Terminen liegt da ein Maschinenraum, in dem Techniker jenen Geräten beim Aufstehen helfen, die eigentlich den Job haben, den halben Pinzgau mit Energie zu versorgen. Bis dahin bleibt das Kraftwerk das, was jeder Österreicher instinktiv versteht: eine teure Maschine, die manchmal funktioniert und manchmal Pause macht. Die Pause hat allerdings einen offiziellen Zeitplan, und das allein ist schon ein Fortschritt.
Das eigentlich Faszinierende an dieser Baustelle ist ihre Fähigkeit, in jeder Meldung größer zu werden, ohne dass sich an der Substanz viel ändert. Acht Meter siebzig mehr Höhe, ein Endfertigstellungstermin irgendwo im nächsten Jahrzehnt, eine Präsentation, die jedes Mal klingt, als würde Österreich einen neuen Mount Everest ausrufen, und am Ende ist es eine Mauer. Eine sehr lange, sehr schwere, sehr hohe Mauer, die jetzt einfach noch ein bisschen länger, schwerer und hoher ist. Das Tal wird feiern, die Kameras werden surren, und wenn die Mauer irgendwann im nächsten Jahrtausend wirklich fertig ist, werden sie alle wieder zusammenkommen und eine zweite Feier drauflegen.
Wenn man ehrlich ist, dann ist diese ganze Aktion ein einziger österreichischer Charakterzug in Beton. Man erhöht nicht einfach eine Mauer, man inszeniert sich beim Erhöhen. Man kommuniziert jeden Kubikmeter, man macht jede Schicht zum symbolischen Akt, und am Ende steht dann ein Bauwerk, das seinen eigentlichen Zweck längst übererfüllt hat, weil es jetzt nicht mehr nur Wasser zurückhält, sondern auch noch die kollektive Bedeutung des Tals. Acht Meter siebzig, liebes Tal, ihr habt es euch verdient. Und falls jemand fragt, ob das alles wirklich nötig war: Antwort gibt es erst Ende 2027. Dann reden wir weiter.