Es gibt Tage, da fühlt man sich als Mann mit Farbsehschwäche wie ein Kundschafter im Feindesland. Man klickt auf einen grünen Button, erwartet Erlösung, und landet auf einer Fehlermeldung in jenem Rot, das für einen selbst exakt dasselbe Braun ist wie der Sparzierstrich daneben. Acht Prozent der männlichen Bevölkerung leben in dieser Parallelwelt, in der jeder Online-Formularantrag zur Mutprobe wird und jedes Ampelsystem zur Glaubensfrage. 400.000 Österreicher, die bei jeder digitalen Behördenreise aufs Neue erfahren, dass der Staat Farben liebt, aber Verständnis eher in Pastelltönen liefert.
Da springt Accessiway auf den Plan, ein Anbieter für digitale Barrierefreiheit, und macht anlässlich des Tags der Farbenblindheit genau das, was die Branche am besten kann: eine Aussendung. Es wird aufmerksam gemacht, es wird hingewiesen, es wird sogar die Zahl genannt, als wäre Statistik ein Ersatz für Empathie. Man liest das Pressematerial, nickt kurz und klickt weiter, weil man ja selbst sehen kann, dass alles in Ordnung ist. Alles in denselben drei Schattierungen von Beige.
Das Schöne an der modernen Web-Gestaltung ist ja ihre konsequente Feindseligkeit gegenüber jedem, der nicht über perfekte Sehkraft und einen topaktuellen Bildschirm verfügt. Designer sitzen in Agenturen, betrachten ihre Mockups auf kalibrierten High-End-Monitoren und beschließen mit der Inbrunst eines Wiener Kaffeehauses-Philosophen, dass dieser eine zarte Rotton auf mintgrünem Hintergrund einfach künstlerisch wertvoll sei. Barrierefreiheit? Das klingt nach Aufzug, nach Rampe, nach jener unappetitlichen Verbindung zwischen Notwendigkeit und Pflicht, die das kreative Schaffen erfahrungsgemäß abtötet. Lieber lässt man acht Prozent der Männer im digitalen Nirgendwo stranden, solange die Hero-Section auf dem Pitch-Deck bei der Jury funktioniert.
Die Ironie dieser Geschichte ist natürlich besonders delikat. Denn dieselben Unternehmen, die ihre Beschäftigten mit durchdesignten Office-Glow-Wänden in den Wahnsinn treiben, jammern anschließend über Fachkräftemangel. Da sucht man händeringend nach IT-Spezialisten, nach Logistikern, nach Sachbearbeitern, und wenn dann endlich einer mit perfektem Lebenslauf vor der digitalen Bewerbungsmaske sitzt, klickt er auf den falschen Button, weil Rot und Grün für ihn denselben bräunlichen Seelenbrei ergeben. HR-Abteilung atmet tief durch. Algorithmus atmet auch. Bewerber atmet aus und macht den Deckel zu.
Am Ende bleibt das übliche Bild österreichischer Problemlösung. Es gibt einen Tag der Farbenblindheit, es gibt es eine Aussendung, es gibt es eine Zahl. Was es nicht gibt, sind Webseiten, die ihre Buttons nicht in Farben gestalten, die sich ohnehin nur auf einem Bruchteil aller Displays identisch darstellen. Solange Pantone-Fanatiker ihre Jobs behalten und Barrierefreiheit als lästiges Beiwerk gilt, werden jene 400.000 weiterhin höflich danebenklicken und so tun, als wäre alles Absicht. Schließlich hat man in Österreich gelernt, mit Hindernissen zu leben, solange sie nur mit genügend Charme präsentiert werden. Bei einer roten Fehlermeldung reicht der Charme allerdings selten.