Es ist wieder soweit. Kaum kühlt die Luft auf jene Temperaturen ab, die selbst der innerstädtische Hund als Anlass nimmt, sein Herrchen zu sabotieren, beginnt auch im Reich der Spinnen die große Völkerwanderung. Die Südrussische Tarantel, offenbar ein Exportschlager aus der geopolitischen Krisenregion, schickt ihre bis zu vier Zentimeter langen Vorauskommandos gen Westen und damit genau in jene Wohnungen, in denen sich die Bewohner gerade erst vom Sommerchaos erholt haben. Wien, Burgenland, Weinviertel. Klingt nach Wahlkampfregion, ist aber offenbar vor allem Tarantel-Hochburg.
Dabei wäre alles halb so wild, würden die Achtbeiner wenigstens anklopfen. Tun sie nicht. Sie stehen einfach in der Badewanne, auf dem Küchenboden oder im Bettvorleger und schauen. Und weil sie dabei weder Pickerl noch Meldezettel besitzen, fällt die Reaktion in vielen Haushalten erwartbar archaisch aus: Schrei, Spray, Schuh. Genau hier setzt die diesjährige Kampagne an, und wer bei diesen Worten an die Bundesregierung denkt, liegt thematisch zwar daneben, atmosphärisch aber erschreckend richtig.
Die Naturschutzorganisation, die sich für gewöhnlich um bedrohte Brachvögel und geschundene Auwälder kümmert, gibt neuerdings Beziehungstipps für Mensch und Spinne. Glas drüber, Karte drunter, raus ins Freie. So einfach klingt das, bis man es selbst probiert. Wer im Herbst die Fenster schließt, hat im Winter schon die Heizung aufgedreht. Wer die Tarantel ins Freie setzt, hat drei Wochen später ihre Verwandtschaft zu Besuch. Man darf sich das vorstellen wie eine Schwiegermutter, nur mit mehr Beinen und deutlich weniger Kommentar.
Die Schwarzbäuchige Verwandte, immerhin noch zweieinhalb Zentimeter pure Eigenmächtigkeit, hat sich derweil in die Steiermark und nach Kärnten zurückgezogen, weil das Klima dort noch einen Tick rüder ist. Man mag das menschelnde Rückzugsgebiet deuten oder einfach als tierisches Understatement: Wer es in Kärnten aushält, hat in jedem Wiener Stiegenhaus leichtes Spiel. Auch sie wollen nur warm, trocken und gelegentlich einen Schrecken verbreiten. Wäre sie ein Mensch, sie würde in einem der immergleichen Reality-Formate mitmachen.
Damit das Ganze nicht im reinen Tierfilm untergeht, wird auch noch die Bevölkerung um Mithilfe gebeten. Sichtungen melden, dokumentieren, im Internet eintragen. Bitte mit Foto, Datum und möglichst emotionalem Kommentar. So entsteht in wenigen Wochen eine Karte, die vermutlich aussieht wie die Ausbreitung einer besonders ambitionierten Bürgerinitiative. Manches Rathaus hätte das nicht besser hingekriegt, allerdings mit deutlich mehr Sitzungen und einem schlechteren Spinnenverhältnis.
Was bleibt, ist die Frage, was eigentlich noch in dieses Land einwandert. Taranteln, Waschbären, Nebel, Meinungen. Alles kommt, niemand geht, und die einzige Konstante ist das Glashaufen in der Küchenlade. Wenn das die Krise der Biodiversität ist, dann hat Österreich sie sich redlich verdient. Und wer jetzt noch glaubt, die Spinne sei das Problem, hat noch nie versucht, in Wien eine Wohnung zu bekommen.