Achtzig Jahre Gruber-De-Gasperi-Abkommen, und die Südtiroler feiern, als hätte jemand eine Seifenoper nach acht Jahrzehnten doch noch zu Ende gedreht. Das Jubiläum wird mit der Inbrunst zelebriert, die man sonst nur von Gemeinderäten kennt, die ein Kreisverkehrsdenkmal einweihen, das niemand bestellt hat.
Der Landeshauptmann trat also ans Rednerpult, legte die Stirn in die übliche Gravität und teilte der staunenden Festversammlung mit, dass Autonomie Verantwortung bedeute. Was er damit sagen wollte, weiß vermutlich er selbst nicht, aber es klang hervorragend in der Zeitung, und das ist bekanntlich die halbe Miete. Dass Verantwortung in der Praxis vor allem bedeutet, sich die Butter aufs Brot der Selbstverwaltung zu schmieren und die Zuständigkeiten so lange zwischen Rom, Wien und Bozen hin und her zu schieben, bis niemand mehr zuständig ist, das verschweigt die Festtagsrhetorik geflissentlich.
Dann erinnerte der Mann auch noch daran, dass das Abkommen 1946 zunächst als Enttäuschung wahrgenommen worden sei. Eine Enttäuschung, wohlgemerkt. Man stelle sich das vor: Die Südtiroler saßen vor achtzig Jahren vor dem Radio, knirschten mit den Zähnen, weil ihnen kein österreichischer Pass in den Briefkasten flatterte, und beschlossen trotzdem, einfach weiter Kaffee zu trinken, Knödel zu essen und Wien verächtlich zu finden. Das ist die wahre europäische Leistung: Nicht die Wiedervereinigung, sondern die Fähigkeit, eine verlorene Wiedervereinigung in fünfzehn Symposien pro Jahr zu veredeln.
Das erste Autonomiestatut von 1948 habe die Erwartungen nicht erfüllt, heißt es. Natürlich nicht. Wann erfüllt schon ein Statut irgendwelche Erwartungen? Es steht ja auch Statut drauf, nicht Glücksbringer. Die Südtiroler haben sich stattdessen hingesetzt, das Statut gelesen, die Stirn gerunzelt und sofort die nächste Petition aufgesetzt. Petitionen sind in Südtirol das, was anderswo das Mittagessen ist: unvermeidlich, ständig, und niemand erinnert sich am Ende, wer sie bestellt hat.
Besonders rührend ist die Behauptung, Südtirol sei ein europäisches Modell. Ein Modell wofür, bitte schön? Für die Kunst, sich in endlose Zuständigkeitsdebatten zu flüchten, während die Wälder brennen und die Tourismusbranche boomen lässt? Für die Disziplin, jedes Jahr aufs Neue einen Festakt zu organisieren, bei dem genau dieselben Sätze fallen wie im Vorjahr, nur mit aktuellerer Krawatte? Es ist ein Modell, ja. Ungefähr so wie ein Modellflugzeug, das immer am Boden bleibt, aber hervorragend aussieht.
Man kann den Südtirolern zugutehalten, dass sie die Sache mit Würde tragen. Achtzig Jahre kollektive Nicht-Wiedervereinigung, und trotzdem kein Aufstand, keine Barrikaden, keine wütenden Märsche auf Wien. Stattdessen wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Es wird ein Symposium abgehalten. Es erscheint ein Sammelband. Am Ende sagt jemand "Autonomie bedeutet für uns Verantwortung", und alle nicken ergriffen, bevor sie zum Buffet mit Speck und Schüttelbrot marschieren.
Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass Österreich selbst, der große Verlierer in diesem Stück, längst aufgehört hat, den Verlust überhaupt noch zu betrauern. Wien hat seine Südtiroler Fantasien irgendwann zwischen 1955 und dem ersten Staatsvertragspickerl beerdigt. In Wien geht man mittlerweile lieber zum Heurigen, als über vergangene Reichsweiten zu sinnieren. Nur in Bozen wird die alte Wunde alle Jubeljahre wieder aufgeschlitzt, mit dem Pathos eines Mannes, der seinem Ex zum Geburtstag gratuliert, obwohl die Trennung schon verjährt ist.
Am Ende bleibt ein europäisches Modell, das in etwa so funktioniert wie ein Museumsdorf: hübsch hergerichtet, man geht einmal hin, macht ein Foto, und fährt dann wieder nach Hause. Der Vertrag von 1946 wird also weiterhin gefeiert, beklagt, kommentiert und in akademischen Aufsätzen zerlegt, bis irgendwann auch das letzte Zipfelchen historischer Empörung in einer Fußnote verschwunden ist. Und der Landeshauptmann wird beim nächsten Jubiläum wieder sagen: Autonomie bedeutet Verantwortung. Alle werden nicken. Und niemand wird fragen, wer dafür eigentlich die Rechnung bekommt.