Es gibt Momente, in denen sich die westliche Zivilisation selbst feiert, und es gibt Momente, in denen amerikanische Touristen in Europa ihre Rolex mit Kabelbindern am Handgelenk fixieren. Wir reden hier nicht von einer Notlösung für Extremsportler, nicht von einem mutigen Statement gegen Wegwerfkultur, sondern vom neuen Ernstfallkapitalismus im Urlaubsmodus. Wer es sich leisten kann, zwanzigtausend Euro für ein Zeitmessgerät auszugeben, der gönnt sich eben auch noch drei Streifen Polyamid aus dem nächsten Baumarkt, weil Verlustaversion halt doch die ursprünglichste aller menschlichen Regungen ist.
Man muss sich das einmal in seiner ganzen Pracht vorstellen: Da steht jemand am Trevi-Brunnen, Sonnenbrille auf, Hemd drei Nummern zu klein, und das Handgelenk ziert ein Armband aus Edelstahl, das seit fünfzig Jahren dafür gebaut wurde, dass man es mit zwei Fingern aufmacht, weil man ja reinsehen will, wie spät es ist. Aber nein, wir leben im Zeitalter der optimierten Risikominimierung, also kommt der Kabelbinder obendrauf, und schwuppdiwupp wird aus einer Luxusuhr eine Artilleriegranate, die nicht einmal mehr am Handgelenk vorbeischaut, ohne dass es aussieht, als hätte jemand einen längeren Aufenthalt in der Notaufnahme hinter sich.
Natürlich könnte man an dieser Stelle fragen, warum man eine Uhr, deren Hauptnutzen darin besteht, dass man sie auch mal abnimmt und auf den Tisch legt, ohne gleich in Schockstarre zu verfallen, überhaupt in ein Risikogebiet mitnimmt. Aber das wäre die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: Welche Kabelbinderfarbe harmoniert am besten mit dem Sonnenbrand? Schwarz geht immer, Weiß ist zu gewagt, und Orange signalisiert zwar Sportlichkeit, aber wer will schon wie ein Sanitäter durch Florenz spazieren.
Erfreulicherweise gibt es in diesem Universum auch Menschen, die das Ganze dokumentieren. Ein Uhrenhändler aus dem hohen Norden Deutschlands, dessen Geschäftsmodell darin besteht, feine Zeitmesser an Menschen zu verkaufen, die sie anschließend mit Verpackungsmaterial am Körper festzurren, hat ein entsprechendes Video veröffentlicht. Man darf annehmen, dass die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets solche Beiträge mag, weil sie das Bedürfnis bedienen, den reichen Amerikaner bei seiner eigentlichen Bestimmung zu beobachten, nämlich dabei, wie er das tut, was der amerikanische Traum vorsieht: Erwerben, schützen, dokumentieren, erneut erwerben.
Dass die Methode im Zweifel mehr schadet als nützt, gehört zur Ironie des Ganzen. Ein geübter Taschendieb reißt eine Uhr mit einem gezielten Ruck vom Arm, egal ob mit oder ohne Kabelbinder. Mit Kabelbinder reißt er allerdings gleich noch ein Stück Haut mit, und der medizinische Folgekostenaufwand übersteigt den Uhrenwert vermutlich binnen weniger Tage. Aber wer rechnen kann, ist in dieser Branche ohnehin fehl am Platz. Hier geht es um Haltung. Es geht darum, dem Räuber zu signalisieren, dass man gewillt ist, notfalls mit dem Schmuck verwachsen zu wollen, koste es, was es wolle.
Bleibt nur zu hoffen, dass der Trend sich nicht verselbständigt. Irgendwann fällt jemandem ein, dass man auch den Ehering mit Kabelbindern fixieren könnte, oder die Kinder im Kinderwagen, oder den Hund an der Leine. Und ehrlich gesagt, beim nächsten Spaziergang durch die Wiener Innenstadt wäre es mir lieber, die Uhr bleibt, wo sie hingehört, nämlich im Safe. Und die Kabelbinder auch.