Im Arnhemland, einem Ort, den die geographische Mitte der Zivilisation nur unter Androhung von Strafe betritt, hat sich die Politik endlich modernisiert. Eine Regenbogenschlange, sechs Meter lang, mit Krokodilkopf, Fischflossen und einer Zunge, die jeden Verdiktatanhörer in Grund und Boden starrt, wurde per Akklamation zur Bürgermeisterin gewählt. Man habe das Amt schon immer als Hybridwesen verstanden, heißt es aus dem Gemeinderat, der nicht ganz sicher ist, ob er überhaupt existiert.
Der Auswahlprozess war erwartungsgemäß undurchsichtig, allerdings auf die altmodische Art und Weise. Man habe zunächst alle Kandidaten daraufhin geprüft, ob sie überhaupt atmen, so ein Sprecher, der zugleich bestätigte, dass diese Frage durchaus ernst gemeint war. Dann habe man die Felswand konsultiert, und die Felswand habe, wie es heißt, sehr deutlich gemalt. Mehr sei nicht nötig gewesen.
Die Schlange selbst zeigte sich bei der feierlichen Amtseinführung standesgemäß unbeeindruckt. Sie bewegte sich keinen Millimeter, was ihr umgehend den Ruf einbrachte, die erste Politikerin der Region zu sein, die tatsächlich hinhört, statt zu reden. Ein älterer Beobachter meinte dazu, das sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht untergekommen, und meinte das als Kompliment.
Dass das Ungeheuer keinen Personalausweis besitzt, wird in der Verwaltungsgemeinde als Detail behandelt, das man nach und nach klären werde. Man arbeite an einer Lösung, heißt es, derzeit werde geprüft, ob Felsritzungen in Röntgentechnik für die Wählerevidenz anerkannt werden können. Sollte das klappen, würde das die Bürokratie revolutionieren, denn dann könne man künftig jeden Wähler einfach an die nächste Höhlendecke kleben und fertig.
Die Opposition, die aus einer Handvoll Eidechsen, drei wirklich sehr empörten Steinen und einem Känguru besteht, hat bereits ein Misstrauensantragsverfahren angekündigt. Das Känguru kritisierte vor allem, dass die Schlange noch nie bei einer Budgetsitzung gewesen sei, worauf die Regierende antwortete, Budgetsitzungen seien gegen ihre innere Natur. Punkt. Das Känguru hüpfte empört davon, nahm aber den ministerialen Sessel mit, was die Budgetsitzung endgültig beendete.
In der Bevölkerung überwiegt der Stolz. Endlich habe man jemanden an der Spitze, der älter sei als jeder denkbare Skandal, sagen die einen. Andere fragen sich, was passiert, wenn die Schlange irgendwann zu lang wird, ob sie dann geteilt wird oder ob man die Decke einfach aufstockt. Ein dritter Lager argumentiert, dass jede Diskussion sinnlos sei, solange das Ungeheuer einfach an der Decke hängen bleibe und warte, bis alle müde seien.
Was die Politikwissenschaft dazu sagt, ist erwartbar. Man spricht von einem spannenden Fall, einer Bereicherung des Faches und davon, dass man jetzt endlich wisse, wie eine Creme von Creme de la Crème de la Crème aussieht, wenn man sie in mehrere Tausend Jahre alten Farbpigmenten an die Höhlenwand modelliert. Außerdem sei nun klar, warum sich über Jahrzehnte hinweg niemand für den Arnhemlandkreis zuständig gefühlt habe: Man habe schlicht auf das richtige Staatsoberhaupt gewartet, und das sei halt erst vor etwa 18 000 Jahren fertig geworden.
Die Amtsperiode der Schlange ist offen. Sie läuft, solange der Fels hält, und der hält bekanntlich länger als jeder Koalitionsvertrag. Sollte die Schlange irgendwann abblättern, werde man sie, so der Gemeinderat, einfach noch einmal malen, diesmal in Öl, auf Leinwand, in einem neuen Verwaltungsgebäude mit Klimaanlage und Empfangsbereich. Die Felswand habe sich ausdrücklich bereit erklärt, nach dem Ende ihrer Amtszeit in den wohlverdienten Ruhestand zu wechseln. Sie habe, wie es im Amtsdeutsch heißt, schon genug getragen.