Man hat sich das natürlich nicht leicht gemacht. Erst in der achten Sitzung, nachdem der Bürgermeister beim dritten Kaffee die Idee hatte, das altehrwürdige Hotel am See kurzerhand zur Außenstelle der Bezirkshauptmannschaft umzubauen. Das Haus sei sanierungsbedürftig, hieß es bislang. Nun ist es sanierungsbedürftig und plötzlich auch noch karrieretechnisch ambitioniert.
Die Gäste, die in Zimmer 27 ein goldenes Wochenende erwartet hatten, werden künftig in den Genuss einer behördlichen Erstaufnahme kommen. Statt Badekorb und Blick auf den Attersee gibt es Bauhelm, Formularstapel und den Hinweis, dass ein Wiedersehen frühestens in acht bis vierzehn Quartalen möglich sei. Der Seezugang bleibt erhalten, dient aber ausschließlich der Flucht vor der nächsten Bauverhandlung.
Im Ort gilt der Umbau unterdessen als der größte zivilisatorische Fortschritt seit der Erfindung des Gemeindebriefs. Endlich, raunt man sich in der Wirtsstube zu, habe man einen Grund, das Wort „Bestandsschutz“ in einem Satz zu verwenden, der kein Gähnen auslöst. Die ortsansässigen Handwerker zeigen sich ebenfalls begeistert, weil sie seit der Wettertstationneubau-Niemals-Aktion keine Aufträge mehr hatten und nun die beruhigende Aussicht auf insgesamt fünfundzwanzig Jahre Baustelle genießen dürfen.
Die Hoteldirektion wiederum, so munkelt man, habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, die Gästeliste durch eine Aktenmappe zu ersetzen. Sie habe sich bloß nie getraut, weil sie fürchtete, dass dann niemand mehr an der Rezeption stehe, der aussieht wie jemand, der an einer Rezeption steht. Jetzt aber kann sie sich voll und ganz auf die Kernkompetenz konzentrieren: Bauaufsicht mit Aussicht.
Erste Gerüchte, wonach auch das Standesamt im Speisesaal einziehen solle, werden vom Bürgermeister energisch dementiert. Das sei, so heißt es, „bodenlose Panikmache“ und zudem „gegen den Geist der Tradition“, immerhin habe man dort einst Hochzeiten gefeiert und keine Heiratsurkunden ausgedruckt. Allerdings, und das ist neu, sei eine „behutsame Mitnutzung der Terrasse für Wähleranfragen“ denkbar.
Der wahre Clou aber ist die hauseigene Tiefgarage, die künftig nicht mehr Autos, sondern Gutachten beherbergen wird. Man wolle, verlautet aus dem Rathaus, „näher am Menschen“ sein, und welcher Ort sei dafür besser geeignet als ein Ort, an dem man früher mit Blick aufs Wasser Sekt getrunken hat. Das Wasser, heißt es übrigens, bleibe „grundsätzlich erhalten“, auch wenn es ab sofort als „dekoratives Element“ der Bezirksverwaltung geführt werde.
Was den geheimnisvollen Türken von Zimmer 14 betrifft, so will niemand ihn gesehen haben. Er existiere, so die offizielle Lesart, nur in den Köpfen unzufriedener Sommerfrischler, die sich partout nicht vorstellen können, dass ein traditionsreiches Haus auch einmal zu einer Behörde wird. Das sei, heißt es abschließend, „halt einfach der Lauf der Dinge“, und der Lauf führe nun einmal nicht am Bauamt vorbei.