Man stelle sich vor: Auf dem Balkan, dieser wunderschönen Region zwischen Adria und Donau, wo normalerweise Wein und Wehmut fließen, herrschen neuerdings Temperaturen, bei denen sich selbst hartgesottene Wiener ihren Sonnenschirm herbeiwünschen. Die Bauern dort haben eine beneidenswerte Eigenschaft entwickelt: Sie können gleichzeitig über zu niedrige Preise und über viel zu magere Erträge jammern, ohne dass es ihnen peinlich wird. Eine Kunst, die in Mitteleuropa längst verloren gegangen ist. Dort gibt es ja entweder Wetter oder Wohlstand, niemals aber beides gleichzeitig.
Nun aber wird auch am Balkan das Klima ernst. Während in Bosnien die Ernteausfälle bei nahezu 90 Prozent liegen – was übrigens beeindruckend nahe an der typischen österreichischen Wahlbeteiligung in Sommerurlaubszeiten liegt – und die Wälder munter weiter vor sich hin kokeln, warten die Verbraucher in Kroatien, Serbien und Rumänien auf die zweite Welle des Schreckens. Die erste war noch ein laues Lüftchen, verglichen mit dem, was die Lebensmittelpreise ab Herbst durch die Haushalte fegen werden. Zwischen 20 und 40 Prozent Aufschlag klingt in einer Pressekonferenz noch nach seriöser Prognose, in der Familienkasse aber wie eine Naturkatastrophe.
Eine kroatische Beraterin, deren Name an einen besonders hartnäckigen Küchenkräuter erinnert, hat diese Erkenntnis nun auch dem Fernsehen gesteckt. Man müsse sich auf den Klimawandel einstellen, sagt sie, was ungefähr so beruhigend klingt wie der Satz: Wir haben den Brand im Griff, solange wir den Rauch als dekoratives Element betrachten. Seit sieben Jahren, also praktisch seit dem Amtsantritt des letzten vielversprechenden Regierungsprogramms, versuche man sich auf die neuen Realitäten einzustellen. Bisher mit dem Ergebnis, dass Zuckerrüben aussehen wie Karotten und Bauern sich fragen, ob sie lieber aufgeben oder einen Instagram-Kanal für klimatisch verunsichertes Gemüse eröffnen sollen.
Besonders tragisch wird es für jene, die noch in der Warteschleife der Europäischen Union stehen. Während Brüssel das Subventionshorn kräftig bläst, dürfen die angehenden Mitglieder nur zuschauen, wie ihre Kollegen aus den EU-Staaten sich über Direktzahlungen freuen, die dringend benötigt würden, um auch nur einen Tropfen Wasser auf die Felder zu bringen. Stattdessen müssen die kleinen Familienbetriebe weiterhin auf das Wetter und die Götter hoffen, was historisch betrachtet eine Mischung ist, die schon die Römer nicht überlebt haben. Ein bosnischer Ökonomieprofessor, dessen Name so serbokroatisch klingt wie eine Prüfungsfrage, hat zudem darauf hingewiesen, dass der Klimawandel eine ökonomische Komponente habe, was in etwa so überraschend kommt wie die Erkenntnis, dass Wasser nass ist.
Zu allem Überfluss haben sich nun auch noch der Irankrieg und der Ukrainekrieg zu einer perfekten Allianz der Preistreiber zusammengeschlossen. Der Treibstoff wird teurer, der Dünger ebenso, und die Weltmarktpreise für Getreide steigen, als ob jemand oben den Hebel zu fest angezogen hätte. Wer nun glaubt, dass eine Teuerungswelle beim Brot lediglich die Kroatinnen und Kroaten trifft, irrt gewaltig. Nein, dies ist eine gesamteuropäische Solidarität der steigenden Preise, bei der am Ende alle mitfeiern dürfen. Selbst die Frühstücksflocken, dieser unschuldig wirkende Knuspergenuss aus Kindertagen, geraten ins Visier der Inflationsgeier.
Am Ende bleibt den Konsumenten wohl nur der bewährte österreichische Weg: Mit einem Glas Wein auf der Terrasse sitzen, über die Preise schimpfen und hoffen, dass wenigstens der Spargel aus der heurigen Ernte noch einigermaßen bezahlbar bleibt. Oder man kehrt halt zurück zur traditionellen Balkan-Diät: Ein Stück Brot, ein paar Zwiebeln und die feste Überzeugung, dass morgen alles besser wird. Was die Wettervorhersage betrifft, darf man das allerdings bezweifeln.