Es gibt Probleme, die brauchen keine Lösung, sondern eine Aktenmappe, einen Stempel und einen Tisch, an dem jemand in Hemd und Krawatte sitzt und ernsthaft guckt. Genau so ein Problem ist seit Donnerstag ein Sudoku. Nicht irgendeines, sondern jenes, das in einschlägigen Rätselheften als smart und sehr schwierig geführt wird. Die zuständige Stelle, die sich selbst für zuständig hält, hat das Puzzle intern auf die Kategorie "anspruchsvoll bis verdächtig" gesetzt. Im Klartext: Man kann es lösen, aber man will es nicht, also wird es zur Staatsaufgabe.
Im zuständigen Amt, das an dieser Stelle lieber ungenannt bleiben möchte, obwohl es niemand gefragt hat, wurde eine eigene Arbeitsgruppe einberufen. Die Arbeitsgruppe hat keine Mitglieder, die rätseln können, dafür umso mehr, die Protokoll führen. Innerhalb von zwei Stunden entstand eine 47-seitige Vorlage mit dem Titel "Risikoanalyse: Smart Sudoku, Variante schwierig, Ausgabe 730b". Auf Seite 23 steht der entscheidende Satz: "Die Komplexität übersteigt die gewöhnliche Frühschicht." Darunter, in roter Schrift, der Vermerk: "Siehe hierzu: Kaffee."
Dass die Republik überhaupt von einem Rätsel behelligt wird, liegt an einem Zwischenfall, der sich, je nachdem wer es erzählt, entweder in einer Kaffeeküche oder in einem Büro mit Klimaanlage zugetragen hat. Ein Sachbearbeiter habe, so heißt es, zwischen zwei Aktenstapeln ein Heft aufgeschlagen und sich in eine 9x9-Konstellation vertieft. Die Unterlage habe sich daraufhin "in einer Weise verändert, die nicht mehr dem ursprünglichen Sinn entsprach", wie es in einem internen Vermerk heißt. Was genau geschah, bleibt im Dunkel der Verwaltungssprache. Man darf vermuten, dass es schlicht keinen Sinn mehr ergab, was bei der Bürokratie allerdings kein Ausnahmezustand ist.
Die Reaktion folgte dem üblichen Drehbuch: Eskalationsstufe eins, das heißt, der Vorgang wird an einen Vorgesetzten weitergeleitet. Eskalationsstufe zwei, der Vorgesetzte leitet an einen höheren Vorgesetzten weiter, der den Vorgang in eine "Strategie zur Bewältigung strategischer Rätselhaftigkeit" einbettet. Eskalationsstufe drei: Das Heft bekommt eine eigene Vorgangsnummer, einen Aktendeckel und einen Platz im Aktenschrank neben der "Sondermaßnahme Heizkostenabrechnung 2017". Was ursprünglich Freizeit war, ist jetzt Vorgang. Was ursprünglich Freude war, ist jetzt Sitzung.
In der Sache selbst passiert genau das, was passieren muss: Es wird debattiert. Es werden Arbeitsgruppen gebildet, die wiederum Arbeitsgruppen beobachten. Eine Sondersitzung beschließt, man werde sich mit den "Herausforderungen der modernen Rätselkultur" befassen, und zwar ressortübergreifend, was in der Praxis bedeutet, dass niemand zuständig ist, aber alle mitreden. Ein pensionierter Beamter wird als Ehrengast geladen, weil er in den Achtzigern einmal ein Kreuzworträtsel in der Kronen Zeitung gelöst hat, ohne zu googeln. Er bekommt eine Urkunde, die niemand braucht.
Die Pointe, und sie ist so absurd, dass sie fast schon wieder weh tut: Am Ende des Tages liegt das Heft offen auf dem Schreibtisch, die Lösung steht längst im Anhang, und niemand hat sie eingetragen, weil das Eintragen nicht in den Geschäftsverteilungsplan passt. Man einigt sich auf einen Kompromiss: Das Sudoku wird zur "Daueraufgabe mit hoher Priorität" erklärt. Es wandert in den Postkorb der Nachfolgerin, die es ihrerseits weiterreichen wird, versehen mit dem Vermerk: "Erledigen, wenn Zeit ist." Die Zeit wird nicht kommen. Das Sudoku aber bleibt. Aktenzeichen leben länger.
So schließt sich der Kreis aus Sinn und Unsinn, aus Puzzle und Paragraf, aus Freizeit und Fürsorge. Die Republik hat mal wieder geliefert, und geliefert heißt in diesem Fall: nichts abgeschlossen, aber alles geregelt. Wer dennoch wissen will, welche Zahl in die obere rechte Ecke gehört, kann das in der nächsten Ausgabe nachlesen. Oder selbst rechnen. Oder es bleiben lassen. Letzteres empfiehlt die Behörde ausdrücklich.