Es gibt Nachrichten, die brauchen kein Konzept, keine Recherche und kein Kamerateam. Es reicht ein Berg, ein Rad, ein Bursch, und das österreichische Feierbiest erwacht. Also: Der fünfzehnjährige Thomas Hrodek aus Althofen ist Kärntner Bergmeister in der Klasse U15 geworden. Man beachte die Altersklasse. Der Mann ist fünfzehn, also in jenem Lebensabschnitt, in dem die meisten Gleichaltrigen noch üben, gleichzeitig den Lenker festzuhalten und ein halbwegs überzeugendes Lächeln für das Passfoto hinzukriegen. Hrodek hingegen fährt der Konkurrenz auf 6,2 Kilometern und 540 Höhenmetern davon, als wäre der Berg persönlich beleidigt worden.
Die Strecke, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, ist bereits das halbe Programm. Wer in Kärnten eine Bergmeisterschaft veranstaltet, tut das nicht, weil das Terrain bequem ist, sondern weil die Einheimischen offenbar glauben, dass jeder Sonntag ein guter Tag ist, um sich selbst die Schuhe zuzuschnüren und einen Hügel als persönlichen Feind zu betrachten. Organisiert hat das Spektakel der ARBÖ ASKÖ Raiffeisen Radclub Feld am See, also ein Vereinsname, der so lang ist wie der Aufstieg selbst und ähnlich viele Buchstaben wie ein TÜV-Gutachten für ein Hochgebirgskloster.
Besonders rührend ist natürlich der Zusatz, dass Hrodek vorher schon bei den Österreichischen Bergmeisterschaften Bronze geholt hat. Bronze! Als ob man bei einem Fünfzehnjährigen die Medaillenfarbe als ausreichendes Indiz für künftige Weltkarrieren heranziehen müsste. Eltern werden jetzt natürlich panisch die Garage ausmisten, damit der Sprössling bald einen aerodynamischen Trainingsraum hat. Onkeln werden bei jeder Familienfeier von "unserem Thomas" reden, Tanten werden stricken, und die lokale Wirtschaft wird sich fragen, ob man nicht bald einen Thomas-Hrodek-Radweg, eine Thomas-Hrodek-Tankstelle oder wenigstens eine Thomas-Hrodek-Brezel einführen sollte.
Dass ausgerechnet Althofen die Heimat ist, wirft natürlich sofort die philosophische Frage auf, was an einem Ort, der klingt wie ein Rechtschreibfehler, überhaupt möglich sein soll. Aber halt: Genau das ist ja die Pointe. Wenn schon die Postleitzahl klingt, als hätte jemand auf der Tastatur geraucht, dann muss der Nachwuchs halt kompensieren. Hrodek kompensiert. Mit Muskeln, mit Ausdauer und vermutlich mit der stoischen Ruhe eines Menschen, der weiß, dass er in seinem Alter ohnehin noch keinen Führerschein hat und deshalb die Berge als seine persönliche Rennstrecke betrachtet.
Die wirkliche Tragödie der Geschichte ist allerdings die Begleitmusik. Während in Althofen die Sektkorken knallen, bereitet man am Millstätter See schon das Strudelfest vor. Man stelle sich das vor: Ein Bursche strampelt sich den Buckel einen Berg hinauf, und die regionale Event-Infrastruktur antwortet mit Teigware. So funktioniert das halt in der Provinz. Erst wird man Bergmeister, dann isst man Strudel, und am Ende des Sommers hat jeder ein bisschen was zu feiern und niemand hat den Überblick über die Kalorien.
Überhaupt fragt man sich, wie viele Pokale, Medaillen und Urkunden ein Fünfzehnjähriger sinnvoll in seinem Kinderzimmer unterbringen kann, bevor die Decke durchhängt. Aber gut, vermutlich wird bald ein Sponsor kommen, der das Zimmer ohnehin gegen ein professionelles Trainingslager eintauscht. Bis dahin darf ganz Kärnten weiter so tun, als hätte man den nächsten Radprofi der Welt entdeckt, nur weil ein junger Mensch einen Berg schneller hochfährt als andere junge Menschen. Glückwunsch, Thomas. Weiter so. Strudel liegt bereit.