Zwei Namen, zwei Daten, zwei kleine Kreuze auf einer weißen Seite. Was nach Ruhe klingt, ist in Wahrheit der Auftakt zu einer der bemerkenswertesten regionalen Produktionen des Landes. Der Bezirk Kirchdorf trauert nicht einfach, er kuratiert das Trauern. Und weil das offenbar noch nicht genug kollektive Sinnstiftung ist, stehen gleich zehn Bestattungsunternehmen als Co-Produzenten mit Namen in der Galerie. Das ist kein Nachruf, das ist eine Kunstinstallation mit Sarg-Garage.
Man stelle sich das Procedere vor. Zuerst wird ein Mensch vermisst, also vermisst man ihn. Dann ruft man einen Arzt, der einem ein Papier ausstellt, das offiziell bestätigt, was die Wärme der Hand ohnehin schon verraten hat. Im Anschluss darf man sich durch die Rangliste der heimischen Bestatter arbeiten, einer Liste, die in puncto Inbrunst an die Kaderlisten kleiner Fußballvereine erinnert. Hatzenbichler, Prielinger, Limberger, Hubinger, Greimel, Mörtenhuber, Perner, Krennmayr, Mistlberger, Hasenleithner. Wer hier nicht aufgenommen wird, hat im Bezirk entweder Hausverbot oder eine Fassade aus den Siebzigern.
Was die Sache besonders delikat macht, ist die enge Verzahnung von Trauer und regionaler Wirtschaftsförderung. Die Trauergalerie wird nicht etwa von der Kirche veröffentlicht oder von der Gemeinde, nein, sie erscheint in Zusammenarbeit mit einer Bestatter-Konsortien, deren gemeinsamer Auftritt an die Sitzordnung der EU-Kommission erinnert, nur mit mehr Weihwasser und weniger Diätverpflegung. Es geht um Pietät, klar. Aber es geht auch darum, wer im Bezirk den Ton angibt, wenn der Sarg ins rollen kommt. Wer bei dieser Galerie nicht mitlogiert, der wird in den Eingangshallen der Ewigkeit schlicht nicht erwähnt.
Der angeschlossene Serviceteil gipfelt in einem Hinweis, der wie ein handfester österreichischer Klassiker daherkommt. Man solle bei einem Todesfall zuhause zuerst einmal den Arzt benutzen, dann den Bestatter, dann die engsten Angehörigen und schließlich die Dokumente. Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Staatsbürgerschaftsnachweis, akademischer Grad, Foto für die Parte. Besonders der letzte Punkt hat es in sich. Ohne ein ansehnliches Foto geht offenbar gar nichts. Niemand wird im Bezirk Kirchdorf beerdigt, bevor das Konterfei nicht den Eingangsbereich der digitalen Trauergalerie ziert. Es ist die letzte Bewerbungsrunde, und wer kein schönes Passbild hat, bekommt wenigstens keinen Hauptplatz im Netz.
Den absoluten satirischen Tiefpunkt aber liefert der untere Seitenrand. Direkt unter den letzten Abschiedsworten, eingerückt zwischen ewiges Gedenken und frommem Schweigen, prangt eine Werbung für einen Bodenaktivator aus dem Haus des oberösterreichischen Gärtners. Pflanzen entziehen dem Boden Nährstoffe, weshalb man Kompost oder das besagte Wundermittel zuführen müsse, damit die Erde nicht müde werde. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies im Bezirk Kirchdorf niemanden gestört hat. Im Gegenteil. Die Mischung aus Letzter Ruhe und Humusaufbau erscheint hier wie eine logische Einheit. Was unten wächst, muss oben weichen. Was oben weicht, düngt irgendwann unten. Der Kreislauf ist komplett, die Galerie hat ihn nur nicht ganz sauber gekennzeichnet.
Und so schließt sich der Bogen. Zwei Menschen sind gegangen, zehn Bestatter haben ihre Visitenkarte abgegeben, ein Gärtner hat seine Scholle beworben, und der Bezirk hat einmal mehr bewiesen, dass das regionale Selbstverständnis dort beginnt, wo man glaubt, jeder einzelne Todesfall sei eine Pressekonferenz mit Sargschmuck. Möge die Erde leicht sein, möge der Bodenaktivator wirken, möge die Trauergalerie auch im nächsten September wieder für einwandfreie Lesbarkeit sorgen. Kirchdorf trauert. Aber vor allem: Kirchdorf managt.