Österreichs Schulen stehen vor ihrem größten Geheimnis: Manche Kinder wollen einfach nicht lernen. Jahrezehntelang hat man das mit Noten, Strafarbeiten und elterlichen Donnerwörtern versucht zu lösen.Jetzt zeigt sich, dass die ganze Pädagogik ein Irrtum war. Die Lösung heißt Überraschungsei.
Eine 25-jährige Sozialbetreuerin hat den Durchbruch geschafft. Ein neunjähriges Mädchen verweigerte den Unterricht und zerstörte wiederholt Dinge in der Schule. Die klassische Pädagogik hätte hier auf sturen Zwang oder teure Therapien gesetzt. Die moderne Sozialbetreuung hingegen greift zum ultimativen Motivationsinstrument: Wer fünf Tage lang nicht alles kurz und klein schlägt, bekommt ein Überraschungsei von der Supermarktkasse. Das Kind besucht inzwischen zwei bis drei Stunden am Tag den Unterricht. Ein triumphaler Erfolg, der die Frage aufwirft, warum wir überhaupt noch Lehrpläne und Schulbücher anschaffen, wenn die ganze Wissensvermittlung über den Plastikbeigeschmack eines Kinderschokolade-Eis funktioniert.
Man stelle sich das einmal im Erwachsenenalter vor. Der Steuerberater verweigert die Jahreserklärung und zerstört den Taschenrechner. Der Klient wedelt mit einem Überraschungsei, und schon werden die Belege sortiert. Der Chirurg weigert sich, die Operation zu Ende zu führen und wirft mit Skalpellen. Die OP-Schwester packt eine Kinderschokolade aus, und der Herr Doktor näht brav weiter. Warum eigentlich bezahlen wir Pädagogen, Sozialarbeiter und Psychologen jahrelang aus öffentlichen Töpfen, wenn ein Sackerl voller billiger Eier denselben Effekt erzielt? Man könnte die ganzen Bildungsanstalten schließen und stattdessen in jedem Bezirk einen Großmarkt mit Selbstbedienungskassen eröffnen, an denen sich die Schüler nach einer Woche ohne Sachbeschädigung ihr Spielzeug selbst abholen.
Nebenbei erfahren wir, dass der Schulbeginn auch die Saison der Kindesabnahmen ist. Die Schule fungiert als Frühwarnsystem. Manche Kinder bringen aus den Ferien Sommersprossen mit, andere blaue Flecken. Die Sommersprossen sind vermutlich noch kein Grund zur Besorgnis, aber der Blaustich am kindlichen Körper regt die Verwaltungsmaschinerie an. Sobald der Lehrer einen Fleck entdeckt, wird gemeldet, dokumentiert und an die Jugendhilfe weitergereicht. Die Schule also als Umschlagplatz für kindliche Notlagen. Der Lehrplan ist dabei nur ein dünnes Täuschungsmanöver, das über den eigentlichen Zweck der Institution hinwegtäuscht: die systematische Erfassung elterlicher Fehlleistungen.
Zwischendurch wird beklagt, dass Schüler bis zu vier Wochen suspendiert werden können, wenn sie durch Gewalt auffallen. Vier Wochen Zwangsurlaub vom Lernort, weil man jemandem die Fresse gerichtet hat. Das ist keine Strafe, das ist ein Werbegeschenk. Kein Wunder, dass die Verweigerer sich so wohl fühlen in einem System, das Aggression mit Freizeit belohnt und Anwesenheit mit Überraschungseiern erkaufen muss.
Schließlich stellt sich die große Frage, wie viel Unterstützung ein Bildungssystem von Familien verlangen kann. Die Antwort des Kinderdorfs: eigentlich keine, denn Nachhilfe kostet Geld, und das haben manche Eltern nicht. Die Lösung liegt also auf der Hand. Wir streichen alle Fächer, die niemanden interessieren, kürzen Sport und Kochen gleich mit und ersetzen alles durch einen neuen Schulfachkanon: Finanzmathematik mit Überraschungseiern, Sachunterricht mit Supermarktbonus und Sozialkompetenz durch Plastikfiguren. So wird jedes Kind zum Musterschüler, und am Ende müssen wir uns nur noch fragen, warum die Wirtschaftsinstitute nicht schon längst auf diese innovative Form der Leistungsmotivation umgestiegen sind.