Es gibt Menschen, die klettern im Himalaya, ohne Sauerstoff, ohne Kletterschule, ohne Anwalt. Dann gibt es Menschen, die kaufen Biotech-Aktien, weil ein Wirkstoff in einer Studie bei einer Ansprechrate von 88 Prozent gegen 19 Prozent Placebo das Kunststück fertigbringt, Achtundachtzig Prozent zu sein. Der Rest ist Bergluft.
Stellen wir uns die Lage vor: Ein Unternehmen mit Sitz in Großbritannien, dessen Name nach Meditation klingt, bastelt an kleinen RNA-Schnipseln, die in der Zelle den Auftrag ausgeben, doch bitte keine kranken Proteine mehr zu produzieren. Man darf sich das vorstellen wie einen Hausmeister, der in der Zelle das Radio leiser dreht, nur dass der Hausmeister molekular ist und einen ISIN-Code trägt. Die Firma arbeitet an Hämatologie, Herz-Kreislauf und an Krankheiten, die so selten sind, dass selbst die Krankenkasse erst googeln muss. Polycythaemia vera ist so eine. Wer darunter leidet, hat zu viele rote Blutkörperchen, also im Grunde genug von allem, nur leider vom Falschen.
Mitte August wurde nun gemeldet, dass ein Phase-II-Ergebnis aussah, als hätte der Wirkstoffkandidat das Multiple-Choice-Spiel gewonnen. Achtundachtzig Prozent Ansprechen gegen neunzehn Prozent bei denjenigen, die ein Placebo bekamen und tapfer so taten, als würden sie ein Medikament schlucken. Die Aktie, die im März noch bei 6,9 Dollar notierte wie ein vergessener Semmel im Wirtshaus, steht nun bei 14,59 Dollar und schaut von dort aus beleidigt in die Ferne. Eine Kapitalerhöhung wurde erfolgreich durchgeführt, was im Börsensprech so viel heißt wie: Es wurde Geld gesammelt, damit die Firma weiterhin Löhne zahlen und Studien durchführen kann, was bei Biotechs ungefähr so häufig vorkommt wie ein Skisturm im Sommer.
Nun treten die Analysten auf, diese ehrenwerten Schiedsrichter des Kapitalmarkts, die niemals raten, sondern stets ermitteln. Sechs von sieben raten zum Kauf. Das durchschnittliche Kursziel lautet 35,80 Dollar, was einem Aufwärtspotenzial von 145 Prozent entspricht. Wer sich jetzt beeilt, darf das Kursziel als Erinnerung an die gute alte Zeit mitnehmen, in der noch alle glaubten, dass eine Ansprechrate von 88 Prozent gegen 19 Prozent eine hinreichende Grundlage ist, um einem börsenotierten RNA-Tüftlerlein den Ritterschlag zu verpassen.
Eine Bank, deren Name an eine Goldgrube erinnert, sieht das naturgemäß anders. Sie rät zum Verkauf, hält das Papier für überbewertet und sieht einen Rückfall auf zehn Dollar. So ein kleiner Dissonanzton gehört dazu, weil ohne Gegenstimme eine Analystenrunde wirkt wie ein Stammtisch, der sich einig ist, dass der Wirt zu viel verlangt. Die zehn Dollar sind eine Art Menetekel an der Wand, gemalt in den Farben der Vergänglichkeit jeder Biotech-Erzählung.
Zur Einordnung: Am Donnerstag zuvor brach eine andere Biotech-Firma um 46 Prozent ein, weil ihr Phase-3-Wirkstoff das primäre Studienziel verfehlte. Der Unterschied zwischen 46 Prozent Verlust und 145 Prozent Gewinn ist im Grunde nur die Frage, ob man die Patienten zählen darf, die gerne dabei wären. In beiden Fällen wird eifrig spekuliert, in beiden Fällen darf sich der Privatanleger als Co-Autor der Zukunft fühlen, und in beiden Fällen ist die wahrscheinlichste Konstante die professionelle Beratung, die auf Seite soundso ausdrücklich nicht stattgefunden hat.
Also, lieber Leser, die Lage ist klar. Wir haben einen britischen Pionier, einen Namen wie ein Yogakurs, einen Wirkstoff gegen zu viele rote Blutkörperchen, eine Studie mit erfreulichen Zahlen und einen Analysten-Alleingang, der den Spieß umdreht. Wer jetzt behauptet, er habe das alles nur aus reinem Interesse an der Zellbiologie gekauft, der lügt, der lügt tapfer, der lügt placebokontrolliert. Alle anderen kennen das Spiel. Sie kaufen die Zukunft, verkaufen die Skepsis und hoffen, dass die Phase III irgendwann kein Multiple Choice mehr ist, sondern eine einzige richtige Antwort.