Stellen Sie sich vor, Sie veranstalten ein gemütliches Beisammensein, laden Gäste ein, stellen teure Getränke bereit, und dann behauptet einer der Eingeladenen hinterher steif und fest, er sei nie dort gewesen, das Buffet sei von alleien gekommen, und überhaupt, man solle den Mund nicht so voll nehmen. Genau diese Stimmung herrscht derzeit zwischen Berlin und Moskau, nur dass das Buffet aus Sprengstoff, Paketklebeband und einer Prise internationaler Verlegenheit bestand.
Der zuständige Botschafter, ein Mann, dessen Job es eigentlich ist, die Position seines Landes in angenehmem Smalltalk zu erklären, hat sich hingesetzt und der Welt mitgeteilt: Nein, das war keiner von uns. Das war bestenfalls der Wind, möglicherweise ein technisches Missverständnis, vielleicht aber auch einfach der Zufall, wie er manchmal so spielt in Leipzig, wenn Pakete durch Logistikzentren irren. Leipzig sei nämlich, und das ist jetzt wirklich die Pointe, die er sich geleistet hat, ganz anders ausgegangen, hätte man nur vorher besser hingeschaut. Wohlwollend. Von der anderen Seite. Mit offenem Herzen.
Man stelle sich die Logik vor: Ein Paket, das an einer Sprengvorrichtung erinnert wie ein Schuh an einen Badeschlapfen, soll den deutschen Luftverkehr in Aufregung versetzt haben, ohne dass jemand den Aus-Knopf gedrückt hat. Botschafter der etwas älteren Schule wissen eben: Wenn es knallt, war es das Wetter, die Zeitumstellung oder die Bundesnetzagentur. Hauptsache, die eigene Adresse kommt im Absender nicht vor.
Besonders entzückend ist der Satz, dass Leipzig hätte anders ausgehen können. Das ist diplomatisch in etwa so subtil wie ein Schild an der Autobahn, das verkündet, hier könnte auch weniger Stau sein, wenn alle weniger fahren würden. Die Botschaft bleibt dieselbe: Hätten die deutschen Behörden nur früher erkannt, dass es sich um einen freundlichen Paketliebesbrief handelte, wäre alles gut geworden. Die Verantwortung wandert geschmeidig von der einen Seite des Tisches auf die andere, mit einer Eleganz, die selbst ein Wiener Ober im Kaffeehaus vor Neid erblassen ließe.
Und überhaupt, wer spricht eigentlich von einem Anschlag? Das Wort steht doch nirgends. Es war ein Vorfall. Ein Zustellungsexperiment. Eine Übung. Vielleicht ein Praktikant, der das Adressfeld falsch las und dachte, Leipzig sei ein Lieblingsurlaubsort von Paketen. Man weiß es nicht. Man wird es nie wissen. Denn wenn man nichts weiß, kann man auch nichts gewesen sein. Ein uralter Trick, praktiziert von Kindern, die den Keks vor dem DVD-Spieler verteidigen, und von Großmächten, die ihre Post nicht mehr wiedererkennen wollen.
Was bleibt, ist die schöne neue Welt der Zuständigkeitsverweigerung im Plüschmantel. Russland zeigt hier einmal mehr, dass es die UNO-Charta und internationale Konventionen vor allem als dekorative Elemente versteht, hübsch zum Einrahmen, aber bitte nicht in der eigenen Wohnung aufhängen. Wenn ein Paket in Deutschland hochgeht, dann ist das ein deutscher Sommer, eine deutsche Logistik, ein deutsches Schicksal. Wenn es woanders hochgeht, dann ist es halt das Klima.
Man darf gespannt sein, wie der nächste Schritt aussieht. Vielleicht eine Pressekonferenz, bei der erklärt wird, Sprengstoff sei eine westliche Erfindung, Pakete ohnehin ein imperialistisches Konzept, und Flughäfen seien im Grunde überbewertete Parkplätze mit Dach. Solange man die richtige Tonlage wählt, verschwindet jede Geschichte von ganz allein. Hauptsache, man erwähnt nie den Absender. Absender sind in der modernen Diplomatie nämlich das, was früher Geständnisse waren: lästig, unpassend, bestenfalls dekorativ.
Und falls in Leipzig demnächst wieder etwas Unerwartetes in einem Paket auftaucht, bitte: erst lesen, dann zustellen, dann staunen, dann schweigen. So bleibt wenigstens die Stimmung bei Tisch erhalten.