387 Millionen Euro. So viel kostet also derzeit ein besonders ambitionierter Rechenknecht aus dem Hause eines französischen Herstellers, der künftig in einem finnischen Rechenzentrum seinen Dienst verrichten soll, und zwar irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2027, also ungefähr dann, wenn auch die EU-Verordnung zu Künstlicher Intelligenz endgültig verstanden sein wird, was bekanntlich noch ein paar Durchläufe braucht. Man darf sich das ganz prosaisch vorstellen: Ein großer Blechkasten voll Mathematik, weit oben im Norden, umgeben von dunkler Tundra, freundlichen Menschen und einer Stromrechnung, die vermutlich mehr Stellen hat als der Rechner selbst.
Die EuroHPC-Jünger, also jene ehrwürdige Behörde, die sich Supercomputer-Behörde der EU nennt, als wäre sie eine eigene Religion, betonen, dass die Nachfrage das Angebot übersteige. Was nichts anderes heißt, als dass jeder Mitgliedstaat inzwischen eigene KI-Superrechner haben will, möglichst gestern, am besten mit Banderole, und zwar bitte subventioniert. Das erinnert entfernt an die gute alte Hofjagd, nur dass diesmal niemand einem Hirsch nachstellt, sondern einem Datenkrümel, den man später in einer Pressekonferenz als historischen Durchbruch verkauft.
Natürlich wird das Gerät zur Förderung europäischer KI verwendet, was ungefähr so präzise formuliert ist wie ein Wirtshaus-Schnitzel als "Förderung der österreichischen Rindfleischverwertung". Es bedeutet schlicht: Man wird allen alles versprechen, und am Ende kassiert irgendein Konsortium aus Paris, Helsinki und einem belgischen Think-Tank den Zuschlag, während die heimischen Mittelständler wieder einmal die Bittstellung üben dürfen. Dass ausgerechnet eine französische Firma den Auftrag bekommt, darf als diplomatische Geste gewertet werden, immerhin ist die deutsch-französische Achse derzeit weniger Hochgeschwindigkeitsstrecke und eher Schienenersatzverkehr.
Besonders beruhigend ist, dass das neue Rechenwunder seinen Betrieb erst in der zweiten Jahreshälfte 2027 aufnehmen wird. Bis dahin kann man in Ruhe weiter Arbeitsgruppen gründen, Lenkungsausschüsse einsetzen, Konsultationen durchführen und eine Taskforce zur Begleitung der Taskforce einrichten. In Brüssel geht bekanntlich nichts ohne mindestens drei Gremien, zwei Untergruppen und einen Empfang mit Häppchen, bei dem dann jemand sagt, man müsse jetzt aber bitte unbedingt europäische Souveränität, äh, Souveränität, und dann fällt das Wort "Zukunft" und alle nicken.
Dass das Ganze in Finnland steht, hat durchaus Charme. Die Finnen sind bekanntlich ein Volk, das in Saunen geschäftliche Entscheidungen trifft und auch vor 387 Millionen Euro nicht zurückschreckt, solange man danach ausreichend geschwitzt hat. Außerdem ist es dort oben kühl, was für Computer ja angenehm ist und gleichzeitig die Betriebsausgaben erklärt, die später sicher einmal irgendwo als "nachhaltige Investition in den europäischen Wirtschaftsraum" auftauchen werden. Hauptsache, die Kühlung funktioniert. Bei der politischen Großwetterlage ist das ohnehin die einzige verlässliche Konstante.
Man darf gespannt sein, was die Maschine am Ende wirklich kann. Wetten, dass sie binnen kürzester Zeit damit beschäftigt sein wird, sich die eigenen Beschaffungsrichtlinien vorzulesen, die Antragsformulare in 24 Amtssprachen zu sortieren und herauszufinden, warum ihr eigener Antrag auf Inbetriebnahme schon im dritten Anlauf am Zuständigkeitswirrwarr gescheitert ist. Wenn sie das schafft, hat sie mehr Intelligenz bewiesen als mancher EU-Gipfel.