Man muss es sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Da sperrt ein ganzes Bundesland seine Verwaltung auf, mobilisiert Sozialsystem, Krankenversicherung und vermutlich auch noch die Landesholding, weil eine Spinne aus Suedrussland im Herbst gelegentlich durch ein offenes Fenster spaziert. Statt zu sagen, lieber Schuh nehmen und Fenster zumachen, wird gleich eine Ambulanz aus dem Boden gestampft. Im Burgenland versteht man Krise nu eben als Chance fuer eine neue Einrichtung.
Die Betroffenen, also alle, die jemals ein etwas groesseres Insekt gesehen haben, werden kuenftig triagiert. Stufe eins ist die reine Sichtung, etwa wenn die Tarantel in der Kueche am Brotkasten sitzt. Stufe zwei ist ein leichtes Erschrecken, Stufe drei ist, dass der Hausherr die Enkelin anruft, weil er glaubt, gleich zu sterben. Stufe vier ist dann der Fall fuer die neu eingerichtete Spezialambulanz, die natuerlich ausgerechnet dort entstehen wird, wo vorher eine Wahlenkarte lag.
Therapieprogramm klingt zunaechst nach einer harmlosen Sauna gegen Schreckzustände. Tatsaechlich aber plant man im Burgenland ein modulares Aufarbeitungssystem, weil eine Begegnung mit einer achtbeinigen Suedruesseliebe natuerlich nicht einfach so verarbeitet werden kann. Es gibt Gruppensitzungen fuer jene, die in derselben Kueche standen, Einzeltermine fuer jene, die ausgerastet sind, sowie ein Sondermodul fuer Mieter, die zuvor schon Probleme mit ihrem Vermieter hatten und jetzt endlich ein Argument haben. Der erste Schritt ist jeweils die Aufnahme des sogenannten Spinnentagebuchs, in dem festgehalten wird, wann, wo und mit welcher Emotion das Tier gesehen wurde. Patienten, die nach drei Tagen noch keinen weiteren Eintrag haben, werden sofort als genesen gemeldet.
Natuerlich fragt man sich, wie das Ganze finanziert werden soll, schliesslich hat das Burgenland noch ein paar Kernaufgaben, die es nicht erfuellt. Doch siehe, man hat das Problem schon erkannt und verweist auf bestehende Mittel aus dem Tierschutztopf, ein paar Euro aus dem Katastrophenfonds, etwas aus der Pflegefoerderung und den Rest aus der Agenda Austria, also von jenen Spenden, die das Land bekommt, wenn PolitikerInnen besonders dramatisch ueber Taranteln reden. Ein Rechnungsabschluss wird moeglicherweise erst nach der naechsten Tarantelwelle vorgelegt.
Besonders amuesant ist die Behauptung, die Therapie sei niederschwellig. Niederschwellig bedeutet in der burgenlaendischen Variante, dass man zunaechst ein Formular braucht, das nur online ausgefüllt werden kann, mit einer eigenen Landesbuerger-ID, die nur ausgestellt wird, wenn man vorher einen Termin ausmacht, der nur per Telefon vereinbart werden kann. Wer dann doch durchkommt, landet in einem Buero, in dem ein Schild haengt, Tarantelkrise, bitte klingeln. Auf dem Buergersekretaer liegt ein Stapel Formulare fuer den Spinnenkaefig, fuer die Desinfektion, fuer die nachtraegliche Entruempelung und fuer die psychologische Nachsorge.
Wirklich schoen ist die Idee, dass Patienten nach erfolgreicher Taranteltherapie ein kleines Diplom bekommen, ein sogenanntes Mutzertifikat, das sie als ehemalige Spinnenopfer ausweist. Damit kann man dann beim Finanzamt eine Aussergewoehnliche Belastung geltend machen, beim Vermieter eine Mietminderung wegen seelischer Belastung und beim Wirt ein grosses Bier auf Spinnenkarte. Und sollte die Tarantel naechstes Jahr wiederkommen, hat man wenigstens schon die passenden Formulare.
Was die Suedrussische Tarantel selbst von alldem haelt, ist nicht bekannt. Vermutlich sitzt sie irgendwo in einem Heizungskeller, hoert den Geraeuschen aus dem Landesamt zu und wartet ab, bis die Beamten ihren Akt schliessen. Sie wird nicht weiterruecken. Sie ist Spinne, sie hat acht Beine, und im Burgenland hat man verstanden, dass jedes Bein einen eigenen Antrag bekommt.