Wenn das Burgenland einen Herzschlag hätte, er wäre heuer wackelig. Nein, schlimmer: Er wäre ein rotes Klötzchen auf einem Holzwagerl, das von Kindern durch einen Ort geschoben wird, damit ein älterer Mann mit Traktor was zu lachen hat. Man darf sich das durchaus als Erklärvideo für den Zustand der öffentlichen Selbstwahrnehmung vorstellen. Region ist nämlich dann relevant, wenn sie sich bewegt, und zwar auf Video, mit Musik drunter, damit auch ja niemand auf die Idee kommt, sie könnte bloß da sein.
Eisenstadt liefert in diesen Tagen den Beweis, dass man eine ganze Bezirkshauptstadt an einem einzigen Nachmittag über die Anzahl roter Nasen definieren kann. Wer wen am meisten bemalt hat, wer am lautesten quietscht, wessen Eltern am Bildschirmrand stehen und so tun, als würden sie das Ganze nicht filmen das ist offenbar die neue Währung. Man stelle sich vor, der Landtag würde seine Sitzungen auf dieselbe Art bewerten. Sitzung dauerte elf Minuten, Abgeordneter gähnte viermal, Kaffee wurde zweimal nachgeschenkt, Kameraschwenk auf das Buffet.
In Güssing wiederum scheint das höchste kulturelle Gut der Vierbeiner mit Anhänger zu sein. Ein Heu-Rad-Umzug. Man darf das ruhig zwei Mal lesen. Heu. Rad. Umzug. Tiere, Kinder, Fahnen, ein örtlicher Verein, der sich was darauf einbildet, ein zweiter, der sich was darauf einbildet, ein dritter, der auch. Irgendwer schneidet das Ganze in der Mitte zusammen, legt einen Kanon darüber und schon steht das Bundesland offiziell nicht still. Dass nebenbei in irgendeiner Werkstatt in Oberwart ein Schlosser eine echte Innovation hinbekommt, fällt dabei meistens unter den Tisch, weil es halt nicht nach Heu riecht.
Mattersburg versucht parallel, das Rad der Zeit mit einem Musikverein neu zu erfinden, was immerhin charmant ist, weil die Idee, ein neues Jahrzehnt einzuläuten, die grandiose Gewissheit voraussetzt, dass die alten Jahrzehnte nicht ähnlich begonnen hatten. Dazu gibt es eine Ortsmeisterschaft, ein Grillfest und vermutlich einen Moderator, der die Sätze mit so viel Lokalstolz ausspricht, dass man das Wort „Zusammenhalt“ riechen kann. Es riecht übrigens nach Holzkohle und Bier. Immer.
Im Bezirk Neusiedl am See darf man sich derweil fragen, ob der Name noch Programm ist, wenn die Hot Rock Dancers energiegeladen starten. Energiegeladen ist überhaupt ein schöner Begriff für alles, was noch Beine hat und einen Lautsprecher in der Nähe. Dass es irgendwo in dieser Republik wahrscheinlich auch noch eine Wissenschaft gibt, die sich um Bewegung im physikalischen Sinne kümmert, interessiert spätestens dann niemanden mehr, wenn das nächste Klötzchen am Wagerl ins Bild rollt.
Was den ganzen Vorgang wirklich abrundet, ist die bescheidene Erkenntnis, dass das alles als Service verkauft wird. Man bekommt die besten Videos, man bekommt einen Gewinnspielblock für ein Fußballspiel mit Nation, die in der Nations League so eine Art Wackelkandidat ist, man bekommt das alles im Paket. Burgenland. Heu, Hüften, Hornissen. Wer jetzt noch wissen will, was im Land tatsächlich passiert, muss halt selber rausgehen, Augen auf, Ohren auf, Kamera aus. Aber das ist natürlich nur eine sehr persönliche Meinung, die man niemals in einen Videobeitrag verpacken würde, weil sie ohne Kanon unterlegt kaum jemand erträgt.