Man darf sich das einmal vorstellen: Eine ganze Landesregierung, offensichtlich in Habachtstellung, hockt über Zahlen, als handele es sich um Bunkerpläne aus dem Kalten Krieg. Über viertausend Schülerinnen und Schüler wurden befragt, wann, wie und mit welchem Gefährt sie in die Schule kommen, und das Ergebnis wird nun behandelt wie ein Staatsdokument. Bis Dienstag Verschluss. Wahrscheinlich gibt es einen Tresor, eine Wachablöse, eine kleine Zeremonie. Vielleicht muss vorher noch ein Gremium tagen, ein Unterausschuss, ein Arbeitskreis, ein Arbeitskreis des Unterausschusses.
Dass 65 Prozent mit dem Bus fahren, klingt erst einmal nach einer Zahl, die man auch bei einem Sonntagsbraten hätte erheben können. Aber im Burgenland ist nichts einfach nur eine Zahl. Hier ist eine Zahl eine politische Aussage, eine Zahl ist ein Bekenntnis, eine Zahl ist, je nach Lesart, entweder Triumph oder Drohung. 65 Prozent Bus, das heißt auch: 35 Prozent Nicht-Bus. Und diese 35 Prozent, das sind die wahren Verdächtigen. Wer fährt die denn? Radfahrer? Mitfahrer? Mütter mit Kombi? Oder doch die gefürchteten Lkw, die offenbar so wichtig sind, dass man ihre Statistik wie eine Steuerakte hütet?
Denn um Lkw geht es ja eigentlich. Es geht um Lkw, es geht um Verkehr, es geht um die ganz große Frage, wie viele Lastwägen durch dieses kleine, sonnige Bundesland rollen, das an manchen Stellen breiter ist als ein Parkplatz in Wien. Und statt einfach zu zählen und ein paar ordentliche Säulen in eine Grafik zu packen, wird hier eine Aura der Dringlichkeit erzeugt, als hätte die Landesstatistik einen Eid auf das Burgenland geschworen und dürfe die Wahrheit nur portionsweise herausrücken. Dienstag, so heißt es, wird gelüftet. Dienstag ist also der Tag der offenen Zahl.
Was sich bis dahin abspielt, kann man sich lebhaft ausmalen. In der Landesbaudirektion werden Ordner hin- und hergetragen, ein Referent schwitzt, eine Referentin nickt, jemand streicht in einem Excel eine Zeile gelb, weil gelb bedeutet: gefährlich. Es gibt Sitzungen, die nichts entscheiden, und Protokolle, die niemand liest. Am Ende wird präsentiert, was ohnehin jeder wusste, nur mit ein bisschen mehr Glanz und einem zusätzlichen Komma. So funktioniert Statistik im Kleinen, so funktioniert sie seit jeher.
Dass 65 Prozent der Schüler den Bus nehmen, ist übrigens fast schon ein politisches Manifest. Wenn das Auto nur 35 Prozent bleiben, dann hat irgendjemand auf dem Land einen schlechten Tag. Der Bus ist hier nicht mehr Verkehrsmittel, der Bus ist Haltung. Wer Bus fährt, ist gemeinwohlorientiert. Wer nicht Bus fährt, ist verdächtig. Die Landesregierung hätte ja gleich sagen können: Liebe Leute, nehmt den Bus, dann ist die Welt in Ordnung. Stattdessen gibt es eine Erhebung, eine Verschlussklausel und am Dienstag eine Pressekonferenz, bei der vermutlich niemand außerhalb der Landesgrenzen zuhört.
Und dann die Nachmittagsverbindungen. Verbesserungsbedarf, heißt es. Das ist das schönste Wort der österreichischen Verwaltung: Verbesserungsbedarf. Es klingt nach Arbeit, klingt nach Engagement, klingt nach einem Land, das sich kümmert. In Wahrheit heißt es: Es fährt kein Bus, es kommt niemand, aber wir wissen es jetzt, und das ist schon die halbe Miete. Verbesserungsbedarf ist das Eingeständnis, dass etwas fehlt, verpackt in eine Formulierung, die aussieht wie ein Lösungsversprechen. Es ist die kleine Schwester des Koalitionspapiers, nur ehrlicher.
Was bleibt, ist also das Bild eines Landes, das seine eigene Schülerzahlung behandelt wie eine Geheimakte und gleichzeitig die Ergebnisse so feierlich präsentieren wird, als wäre der Burgenland-Verkehr gerade neu erfunden worden. Dienstag also. Dienstag kommt. Dienstag öffnet sich der Tresor, und die Lkw-Zahlen fallen heraus, und alles ist gut, und alle nicken, und die Schüler fahren weiter Bus, nur halt jetzt offiziell.