Das Burgenland hat seine Bildungsreform still und leise vollzogen, während die Ministerien noch über Lehrpläne streiten. Der neue Campus heißt nicht mehr Gymnasium oder Mittelschule, sondern schlicht Haltestelle. Eine breit angelegte Befragung von über viertausend jungen Pendlern hat nun wissenschaftlich belegt, was jeder Busfahrer seit Jahrzehnten mit stoischer Gelassenheit hinnimmt: 65 Prozent der Schülerschaft sind faktisch Vielfahrer mit Monatskarte. Der Schulweg ist zum eigentlichen Kerncurriculum avanciert, Lesen, Schreiben, Rechnen sind bloß noch die Hausaufgaben, die man erledigt, wenn der Bus mal wieder im Stau steht.
Die Studie liest sich wie ein Loblied auf die öffentliche Verkehrsanbindung, dabei ist es ein Protokoll logistischer Ausdauer. Kinder, die noch nicht mal das kleine Einmaleins sicher beherrschen, managen Umsteigezeiten, die jeden Fluglotsen in den vorzeitigen Ruhestand treiben würden. Sie kennen die Fahrpläne der Postbusse besser als die Öffnungszeiten der Schulbibliothek, einfach weil letztere nicht existieren. Wer morgens um sechs in den überhitzten Blechkasten steigt, hat bis zur ersten Stunde bereits Sozialkompetenz erworben: Platzanbieten für Rentner, Ignorieren betrunkener Pendler, das stille Aushandeln von Fensterplätzen als Statussymbol. Das ist inklusive Pädagogik in Reinform, unfreiwillig, aber effektiv.
Besonders rührend ist der Befund zum Nachmittagsverkehr. Da offenbart sich die wahre pädagogische Absicht: Wer nach der sechsten Stunde noch zwei Stunden auf den Anschlussbus wartet, lernt Geduld. Wartezeit ist Lebenszeit, hat schon der Philosoph gesagt, und das Burgenland nimmt das wörtlich. Die Bushaltestelle wird zum zweiten Klassenzimmer, nur ohne Heizung und mit besserer Lüftung. Die "Verbesserungsbedarfe", die die Erhebung nun diplomatisch formuliert, sind im Klartext: Die Kinder wollen nach Hause, nicht in der Pampa ausharren, bis der Mond aufgeht. Aber wer A sagt, muss auch Bus fahren. Und wer Bus fährt, hat keine Zeit für Drogen, weil er schlicht zu erschöpft ist.
Elternvertreter fordern nun "bessere Taktungen", als gäbe es ein Taktgefühl im ländlichen Raum, das nicht vom Traktor des Nachbarn diktiert wird. Die Politik nickt verständnisvoll und verweist auf die Finanzierbarkeit, die bekanntlich immer dort endet, wo der Asphalt aufhört. Man könnte die Schulen dort hinbauen, wo die Kinder wohnen, aber das wäre ja kommunale Raumplanung, und die ist in Österreich bekanntlich ein Mythos wie der Yeti. Also bleibt alles beim Alten: Der Bus ist die Schule, die Haltestelle der Pausenhof, der Fahrer der einzige Pädagoge, den alle respektieren, weil er die Hupe bedienen kann.
Am Ende steht die bittere Erkenntnis: Das Burgenland produziert keine Schüler, es produziert Pendler. Die Matura ist nur der Führerschein fürs Leben, den man sich im Stehen im Gang des 6-Uhr-30-Busses verdient hat. Wer das übersteht, für den ist jeder spätere Arbeitsweg ein Kinderspiel. Die anderen ziehen nach Wien, wo die U-Bahn alle drei Minuten kommt und man die Wartezeit nicht mit Existenzfragen füllen muss. Das Burgenland bleibt stark – im Durchhalten.