Dreizehn Milliarden Dollar, das ist in etwa der Betrag, den ein mittelgroßes Bundesland in den nächsten drei Legislaturperioden für die Sanierung von Landeskindergärten ausgeben könnte, nur eben in amerikanisch und für eine Plattform, auf der Leute Modelle mit possierlichen Namen wie „Flauschiger-Erdbeer-Pinguin-v3“ hochladen. Es war einmal ein kleiner digitaler Spielplatz, auf dem KI-Bastler ihre ersten Gehversuche machten, als gäbe es kein Morgen und schon gar keine Geschäftsberichte. Dieser Spielplatz heißt Hugging Face, was im Deutschen an einen Beileidsbesuch auf einer Beerdigung erinnert, und gehört ab sofort offenbar dem Mann, dessen Lederjacke mehr Persönlichkeit hat als die halbe Vorstandsetage eines DAX-Konzerns. Jensen Huang, der mit seiner schwarzen Lederjacke den Dresscode der gesamten Halbleiterbranche ruiniert hat, greift also zu, und die Branche nickt andächtig, als hätte jemand das Amen im Gottesdienst besonders betont.
Dass ausgerechnet jener Konzern, der ohnehin schon jedem KI-Start-up die Chips hinterherwirft wie ein Konditor die Krapfen beim Kirtag, nun auch noch die Plattform schluckt, auf der diese Start-ups ihre Modelle vorführen, hat etwa so viel Stil wie der Wirt, der die Stammtischrunde gleich mitsamt dem Wirtshaus kauft. Man darf sich das in etwa so vorstellen, als würde der einzige Großhändler für Bastelmaterial in der Stadt auch noch das örtliche Hobbyzentrum pachten, nur damit am Ende jeder Modellbauverein gefälligst bei ihm einkauft. Jahrelang durfte sich die KI-Szene einbilden, sie erlebe gerade das Linux-Moment der Künstlichen Intelligenz, ein freies, kollaboratives Elysium, in dem jeder nach Herzenslust forken und committen darf. Nun wird daraus das Windows-Moment, inklusive Update-Pflicht, Wasserzeichen und einer Gewährleistung, die im Kleingedruckten verschwindet.
Die Konkurrenz schaut derweil zu, wie ein Rehbock im Scheinwerferlicht, nur dass das Reh in diesem Fall OpenAI heißt und der Scheinwerfer aus Taiwan angeliefert wird. Die einen versuchen, eigene Chips zu basteln, die anderen kaufen weiterhin brav bei Huang ein und beten, dass der liebe Gott des Maschinenlernens gnädig gestimmt ist. Währenddessen steigen die Umsätze des Chipriesen in schwindelerregende Höhen, dass einem Bilanzbuchhalter schwindelig wird, und gleichzeitig werden Summen für den Bau weiterer Rechenzentren mobilisiert, bei denen selbst die Immobilienspekulanten der Wiener Innenstadt vor Neid erblassen würden. Fünfhundert Milliarden Dollar sind eine Zahl, bei der man eigentlich nur noch höflich lächelt, wie ein Pensionist, der im Wirtshaus gefragt wird, ob er das kleine oder das große Bier möchte.
Die wahren Verlierer dieser Geschichte sitzen aber weder in Redmond noch in Mountain View, sondern in den Kaffeeküchen kleiner KI-Start-ups von Wien bis Wels, wo künftig die bangen Fragen lauten werden: Dürfen wir unsere Modelle überhaupt noch bei Hugging Face hochladen, ohne dass sie umgehend als Trainingsdaten für das nächste Monopolprodukt zweckentfremdet werden? Werden wir künftig per Abo zahlen, um eigene Spielereien zu veröffentlichen, so wie man einst fürs Klopapier im Hotel zahlen musste, nur eben in monatlich? Und vor allem: Welche Maus darf man bei der Übernahme noch drücken, ohne dass der Algorithmus in Taipeh mitbekommt, dass man eigentlich gerade versucht, unabhängig zu wirken?
Am Ende bleibt das gewohnte Bild der schönen neuen KI-Welt: Einer hat die Chips, einer hat die Plattform, und alle anderen haben das Gefühl, bei einem sehr einseitigen Gesellschaftsspiel mitzumachen, dessen Regeln mitten im Spiel umgeschrieben werden. Die Beobachter, die noch vor zwei Jahren schwärmten, KI sei die demokratischste Technologie seit der Erfindung der Laienbühne, dürfen sich nun fragen, ob sie gerade Zeugen einer beeindruckenden Konsolidierung werden oder einfach nur einer besonders teuren Hofübergabe in einem Königreich, das nie eine Verfassung hatte. Die Kaffeeküchen werden weiterlaufen, die Lederjacke wird weiter glänzen, und irgendwo in einem Rechenzentrum, das mit Fördermilliarden aus dem Boden gestampft wurde, summt ein Modell leise vor sich hin, das einmal gelernt hat, Katzen von Hunden zu unterscheiden, und nun den wirtschaftlichen Unterschied zwischen Monopol und Wettbewerb.