Da ist er also wieder, der ÖFB-Cup, jener Wettbewerb, den die halbe Nation ignoriert, bis irgendein Außenseiter irgendwann im Frühjahr einen Bundesligisten rauswirft und alle so tun, als hätte man das natürlich die ganze Zeit verfolgt. Am Samstag durfte die fachliche Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, dass die üblichen Verdächtigen ihrer Verdächtigkeit nachgekommen sind, als gäbe es einen Tarifvertrag dafür. LASK, Sturm Graz, Austria Lustenau, allesamt weiter, allesamt irgendwie erwartbar, allesamt in einem Wettbewerb, der vor allem deshalb existiert, damit die kleineren Klubs ab und zu ein Auswärtsspiel gegen einen Großen bekommen, bei dem das Catering stimmt.
Besonders rührend ist die Hartnäckigkeit, mit der sich der Titelverteidiger aus Linz als solcher inszeniert. 6:1 auswärts gegen einen Verein, dessen größter Triumph vermutlich die Erfindung der Halbzeitpause in der Steiermark ist. Aber bitte, ein Cup-Sieg bleibt ein Cup-Sieg, und in der Selbstdarstellungsabteilung der oberösterreichischen Fußballindustrie weiß man eben, wie man solche Ergebnisse in Gold rahmt. Dass die Mannschaft dabei mehr Mühe hatte, die Geschenke auszupacken, als sie zu verteilen, verschweigt man besser. Siegerhaftigkeit sieht halt gut aus, egal wie sie zustande kommt.
Sturm Graz hingegen bewies bei ASK Voitsberg eindrucksvoll, dass 4:1 eine Zahl ist, die nach Dominanz klingt, auch wenn sie in Wahrheit vor allem bedeutet, dass die Grazer nach einer halben Stunde aufgehört haben, sich zu konzentrieren. Die Voitsberger werden diesen Abend vermutlich als den schönsten ihrer Vereinsgeschichte verbuchen, was wiederum eine Aussage über die Vereinsgeschichte ist, die der Verein bitte selbst interpretieren möchte. Pokal und Wirklichkeit, das ist in Österreich oft eine Beziehung wie die zwischen Hofberichterstattung und Innenpolitik: Man spricht nicht darüber, man feiert einfach die Tatsache, dass es stattgefunden hat.
Den eigentlichen Unterhaltungswert lieferte Austria Lustenau, die in Lafnitz aus einem 1:2-Rückstand einen 6:2-Sieg bastelte, als hätte jemand das Skript auf der Bank liegengelassen. Trainerbank, versteht sich, nicht Bank im finanziellen Sinn, denn bei diesem Klub ist das eine ohnehin meist dasselbe. Sechs Tore nach Rückstand sind eine Leistung, die statistisch etwa so häufig vorkommt wie ein aufrichtiges Statement im Wiener Bürgermeisteramt. Der Verein wird das natürlich als Beweis für Charakter, Mannschaftsgeist und die Kraft der Vorarlberger Bergluft verkaufen, und niemand wird widersprechen, weil niemand genau hinsieht.
Dass parallel dazu ein Zweitligaduell zwischen Blau-Weiß Linz und Wacker Innsbruck stattfand, das 3:2 ausging, ist eine Information, die vor allem dazu dient, das Mittagsprogramm der dritten Kanäle zu füllen. Die Tiroler haben gewonnen, die Linzer verloren, und beide werden in der nächsten Woche so tun, als sei das ein Wendepunkt der Saison. Wacker Innsbruck ist in dieser Liga etwa das, was ein Cup-Viertelfinale in einer Sportbeilage ist: wichtig genug, um es zu erwähnen, aber nicht wichtig genug, um es zu verstehen.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass der österreichische Fußballpokal jene wunderbare Funktion erfüllt, die ihm die Verbandsführung immer zugedacht hat: Er lässt alle Beteiligten so aussehen, als würden sie etwas gewinnen, während sie in Wahrheit nur das tun, was der Terminkalender ohnehin vorsieht. Im Achtelfinale werden die Großen dann die Großen sein, die Kleinen die Kleinen, und am Ende wird irgendwo ein Pokal überreicht, den vorher niemand haben wollte, aber alle danach als Lebenswerk interpretieren. So funktioniert das, so hat das immer funktioniert, und so wird es vermutlich auch in jener fernen Zukunft weitergehen, in der der Verband endlich einmal ehrlich sagt, dass das Turnier vor allem dazu da ist, die Ligaspielpläne zu entzerren und die Grünflächen der Republik gleichmäßig abzunutzen. Man darf gespannt sein.