Man muss sich das einmal vorstellen. Draußen knallt die Sonne, die Menschen in diesem Land schwitzen beim Auf-die-Straße-Gehen, und oben am Dachstein brennt der Asphalt fast durch, aber ein oberösterreichischer Landeshauptmann steht in Anzugschuhen und verlegtem Blick in einer Skibindung. Das ist keine Fieberfantasie, das ist Auftakt. Das ist jener Moment, in dem ein ganzes Bundesland kollektiv beschließt, dass der Herbst einfach übersprungen wird, weil ein Weltcup ansteht und ein Foto her muss.
Natürlich hat der Herr Landeshauptmann das Skifahren auf der Zwieselalm gelernt. Wo auch sonst. Wer in Oberösterreich Karriere machen will, ohne einmal zwinkernd erwähnt zu haben, dass er als Kind auf einer Alm irgendetwas mit Holzbrettern gemacht hat, ist politisch gesehen praktisch nicht existent. Also steht er da, zwinkert, und sagt, er fahre meistens ziemlich zügig. Ziemlich zügig. In Lacklschuhen. Bei 28 Grad. Auf einem Teppich, der allenfalls mit ein paar Kunststoff-Flocken dekoriert ist. Wenn das kein Vertrauensbeweis in die Zukunft ist.
Neben ihm die Präsidentin, fesch im Dirndl, während sie gleichzeitig 500 Helfer koordinieren lässt. 500 Helfer. Für ein Rennen, das in 117 Tagen stattfindet, also ungefähr in einer zivilisatorischen Zeiteinheit, in der die Menschheit normalerweise andere Probleme hat. Die zuständige Dame versichert uns, sie habe ihre Männer voll im Griff, was man bei der Anzahl durchaus als Leistung betrachten darf. In jedem Fall klingt das nach der Art von Satz, den man sich später, wenn die Männer mit Schneefräsen durch die Ortschaft donnern, noch sehr gerne auf Band anhören wird.
Was an dem Abend besonders beeindruckt, ist nicht das Rennen selbst, sondern die Fähigkeit der anwesenden Prominenz, bei hochsommerlichen Bedingungen jene Ernsthaftigkeit auszustrahlen, die sonst nur bei Sitzungen über Hochwasserschutz aufkommt. Hier treffen sich Landesrat, Bürgermeister, Tourismusdirektor, Sportfunktionäre und Hoteliers zu einem Get-together in einer Tennishalle, als gelte es, ein Jahrtausendprojekt einzuweihen. Man könnte fast glauben, es gehe um eine neue Autobahn, so feierlich sind die Gesichter, so bedeutungsschwanger die Händedrücke. Lediglich die Getränke erinnern daran, dass draußen noch August herrscht.
Am rührendsten ist das Duo, das als Vorläuferinnen eingesetzt werden soll. Zwei junge Damen, die beim eigentlichen Rennen keine Rolle spielen werden, dürfen im Dezember als erste die Piste hinuntersausen, falls es überhaupt eine Piste gibt. Man stelle sich vor, die beiden fahren los und finden unten nichts als Wiese und ein paar freundliche Kühe. Was für ein Motivationsschub für die Region. Was für ein Sinnbild des modernen Sportbetriebs, in dem die Vorfreude längst wichtiger geworden ist als das Ergebnis.
Die Organisatoren indes reden von Segen, von Mittelpunkt, von Heimrennen, als handle es sich um eine meteorologische Intervention, die das Klima gleich mitreguliert. Wenn genug Helfer, Bufettstationen und Fernsehkameras vorhanden sind, entsteht offenbar automatisch Schnee. Falls nicht, bleibt zumindest die Hoffnung, dass bis Weihnachten jemand einen Lastwagen mit Kunstschnee vorbeischickt. Und falls auch das nichts hilft, hat man wenigstens die Anzugschuhe in der Bindung dokumentiert. Für die Chronik. Für die Region. Für die Ewigkeit.