Jahrzehntelang hat ein Mann aus Graz Bücher geschrieben, Preise entgegengenommen und Interviews gegeben, in denen er betonte, wie ungern er Interviews gebe. Nun, rund um das Jahr 2016, begann das nächste Kapitel: Er verschwand professionell. Nicht nach Südamerika, nicht in ein Kloster, nicht in den Dschungel, sondern in jene besonders hermetische Region, die im Kulturjournalismus gern als "innere Emigration" bezeichnet wird, obwohl sie meistens in einer Wiener Wohnung mit Blick auf einen Hinterhof stattfindet.
Dreizehn Bücher, dreiunddreißig Sprachen, Vergleiche mit Größen, die er selbst lieber zitiert als gelesen hätte. Irgendwann aber, so berichten aufmerksame Beobachter, wurde es leiser. Zuerst beim Verlag, dann bei der Literaturbeilage, dann bei jenem Onlinemagazin, das ohnehin nur dann klickt, wenn der Autor ein Foto von sich postet, auf dem er traurig in eine Tasse schaut. Der Mann verstand es meisterhaft, die Erwartung an seine Person systematisch zu untergraben, indem er schlicht niemanden mehr an sich heranließ. Die Verleger reagierten verständnisvoll. Verleger reagieren immer verständnisvoll, solange das nächste Manuskript angekündigt bleibt. Das nächste Manuskript bleibt natürlich immer angekündigt.
Während des ersten Lockdowns lieferte der Künstler noch einen Roman in siebenundzwanzig Teilen, was als Pandemieleistung gewürdigt wurde, vergleichbar mit der Organisation einer Schuhaktion, nur literarisch. Danach folgten Blitzlichter, wie es im Feuilleton so schön heißt, wenn ein Autor mit seinem Privatleben Schlagzeilen macht, die kein Feuilleton redaktionell bestellt hat, aber trotzdem abdruckt, weil es im Advent sonst nichts zu füllen gibt. Die Blitzlichter betrafen Alkohol, Drogen, Depressionen, Social-Media-Eskapaden, Scheidung und schließlich eine Privatinsolvenz. Eine kleine, ordentliche Insolvenz, wie man sie unter gebildeten Leuten eben abwickelt, mit Anwalt, Würde und einem Restbestand an Selbstachtung, der notariell beglaubigt werden kann.
Wer bin ich, habe er sich gefragt, und die Frage, wer er sei, sehr lange effizient vermieden. Das ist überhaupt die modernste Form der Selbsterkenntnis: Man verschiebt sie so konsequent, dass sie irgendwann zu einem literarischen Programm wird. Ein guter Roman, heißt es, sei klüger als der Autor. In diesem Fall ist der Roman klüger als der Autor, der Verlag, der Lektor, der Kritiker und vermutlich auch der Steuerberater. Klüger vor allem, weil er noch gar nicht existiert. Genau darin liegt die Eleganz. Solange das Manuskript nicht da ist, kann es niemand enttäuschen. Es kann nur enttäuschen, indem es nicht kommt, was wiederum als künstlerische Haltung interpretiert wird.
In der österreichischen Provinz, wo jeder zweite Bewohner davon überzeugt ist, eigentlich Schriftsteller zu sein, gilt Stille als Vorstufe zur Größe. Verschwinden ist dort eine Art Generalprobe. Wer verschwindet, zeigt, dass er einmal da war. Wer schreibt, zeigt nur, dass er schreibt. Wer beides kombiniert, hat den Wettbewerb um die nächste Verlagsveranstaltung im Wiener Looshaus schon im Vorhinein gewonnen, weil die Einladung ja an jemanden gehen muss, der nicht zusagt.
Ein Kulturjournalist, der aus Prinzip nicht zitiert werden möchte, sagte kürzlich, der Autor habe das Verschwinden zu einer Kunstform erhoben, die man in Wien sonst nur von Innenministerien kenne. Das Verschwinden sei eine Ressource. Man müsse sie nur zu verwalten wissen. Der Autor verwalte sie hervorragend. Sobald er wieder auftauche, werde man ein Buch daraus machen, und zwar sofort, weil die Klappe zu ist, wenn der nächste Lockdown kommt. Bis dahin gilt, was in solchen Fällen immer gilt: Abwarten, Tee trinken, und die nächste Literaturveranstaltung mit einem Autor besetzen, der nicht erscheint. Das spart Gagen, Miete und vor allem die Frage nach dem Inhalt.