Es ist ein wunderbarer Zeitvertreib für Angestellte mit Bildschirm und Gleitzeit, sich darüber aufzuregen, dass eine Tastatur mitzählt, wie oft man „Rückruf" tippt. Empörung in allen Farben, Betriebsrat, Pressestelle, LinkedIn-Post. Herrlich. Während die Festangestellten noch um ihre Tastenanschläge kämpfen, liefert eine andere Berufsgruppe seit Jahren vor, wie sich Arbeit anfühlt, wenn das Controlling unsichtbar ist und trotzdem alles mitkriegt. Herzlich willkommen im Lieferalltag, wo der Algorithmus kein Tool ist, sondern die Naturkatastrophe, gegen die man freundlich lächelt, damit die Sterne stimmen.
Die Grundregel ist bestechend einfach. Du hast kein Smartphone, du hast einen Beichtvater mit Kartenfunktion. Jede Fahrt, jede Pause, jede WhatsApp-Nachricht an die Schwiegermutter fließt irgendwo hinein, und was hinten rauskommt, ist eine charmante Mischung aus Score, Strafzinsen und mystischer Willkür. Wer verstehen will, wie ein Auftrag zustande kommt, darf raten. Wer verstehen will, warum er ihn nicht bekommt, darf nochmal raten, nur diesmal bitte ohne Augenkontakt mit der App.
Dass die meisten Betroffenen von alldem kaum etwas mitbekommen, ist kein Bug, das ist das Geschäftsmodell. Intransparenz ist hier kein Versagen, sondern eine Investition. Wer nachfragen will, muss erst einmal den Menschen finden, der antworten könnte, und dieser Mensch hat die Form eines kleinen Fensters, das sich weigert, eine Mailadresse zu zeigen. Plattformen lieben den Dialog, solange er ausgewählte Emojis enthält und nicht länger als drei Sekunden dauert.
Besonders unterhaltsam wird es, wenn der eigene Akku zur Disziplinierungsmaßnahme wird. Wer im dritten Stock steht, das Handy bei drei Prozent, den Auftrag vor der Nase und das Stiegenhaus ohne Aufzug, der lernt die Endlichkeit allen Seins kennen. Wer aus Höflichkeit gegenüber der Kundschaft noch kurz an der Tür klingelt, bekommt dafür keine Anerkennung, sondern eine sanfte Erinnerung, dass die durchschnittliche Annahmezeit in diesem Bezirk zuletzt leicht erhöht war. Die App tröstet dich nicht, sie tröstet dich höchstens mit einer neuen Aufgabe in entgegengesetzter Himmelsrichtung.
Natürlich könnte man jetzt einwenden, dass die Branche ja nur reagiert und alles rein datengetrieben, rein objektiv, rein zum Wohle der Endkundschaft geschieht. Schön wärs. In Wahrheit trainiert man eine Maschine auf das Verhalten von Menschen, die keine Maschine sein wollen, und wundert sich dann, dass die Maschine menschliche Schwächen als Ineffizienz bewertet. Wer einmal krank ist, einmal traurig, einmal einfach langsamer, weil das Wetter existiert, bekommt das später serviert, ohne dass klar wäre, ob es als Hinweis, als Vorwurf oder als neue Spielregel gemeint war. Der Algorithmus ist übrigens schlecht darin, das zu erklären, aber hervorragend darin, Konsequenzen zu verteilen.
Was bleibt, ist eine wunderbare neue Arbeitswelt, in der die Chefin kein Gesicht hat, das Arbeitszeugnis eine Zahl ist und die Personalabteilung in einer Push-Benachrichtigung wohnt. Die Festangestellten dürfen weiter empört über ihre Tastatur sein, die Lieferanten dürfen weiter lächeln, und die Plattformen dürfen weiter so tun, als sei alles nur ein großes technisches Missverständnis. Irgendwer muss die Pakete ja tragen, und solange die App höflich fragt, ob man auch morgen wieder Zeit hätte, gilt der Arbeitsvertrag im Zweifel als Selbstgespräch.
Die Pointe ist alt, aber sie sitzt: Wer wirklich wissen will, wohin die Überwachung der Arbeit führt, sollte nicht in die Büros schauen, sondern auf die Gehsteige. Dort wird seit Jahren demonstriert, wie sich Digitalisierung anfühlt, wenn sie kein Konzept mehr ist, sondern das Wetter, bei dem man ausliefern muss.